November 01, 2012

Tückische Objekte als moderner Aberglaube

Im Film Final Destination findet sich folgende Szene:



Niemand tut etwas böses, kein Schuft oder Zombie oder Außerirdischer stellt dem Arglosen mit Hinterlist heim und möchte diesen meucheln. Dinge sind es, die sich scheinbar gegen den Menschen verschworen haben, so als ob sie einen eigenen Willen hätten, oder einen eigenen Charakter, um bei sich bietender Gelegenheit ihr zerstörerisches Wesen entfalten.

Horrorerzählungen sind gewiss nicht neu, man braucht nur in den alten Homer hineinzuschauen, um dies zu erkennen. Kyklopen und Sirenen trachten nach dem Leben der Menschen, die durch den Willen der Götter, oder wegen eigener Hochmut, in die Gewalt schrecklichster und hinterhältigster Gestalten gekommen sind. Doch immer waren es eben Götter oder Geister, oder das Böse an sich mit dem die Helden zu kämpfen hatten, und nicht selten auch mit sich selbst. Dinge kamen zwar schon früh in den Erzählungen vor, verwunschene Schlösser, Steine mit magischen Kräften und selbst Alltagsgegenstände, wie das Märchen Tischlein deck dich exemplarisch zeigt. Doch immer sind diese Dinge von außerhalb belebt worden. Magische Gestalten, Hexen, Zauberer schafften es den Dingen, oder besser Gegenständen, ein Leben einzuhauchen, Kräfte und Eigenschaften zu verleihen, die dann entweder dem Menschen zu Nutzen oder zum Schaden war.

Dabei beschränkt sich dies nicht nur auf das Abendland, wie die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht zeigen, oder die Horror-Klassiker in Japan aus der Edo-Zeit. Horrorerzählungen, so kann man sicher behaupten, hat es zu allen Zeiten gegeben. Nicht nur des wohligen Grusel wegen, sondern auch um moralische Werte zu beschreiben, oft gerade in Märchen, oder philosophische Erkenntnisse zu vermitteln - und manchmal auch als Genre der Kunst. Vor allem da traten nun immer mehr die Dinge in den Vordergrund. In Horror- oder Slapstikfilmen tauchten die ersten tückischen Dinge auf, die ein scheinbares Eigenleben haben, und somit dem Menschen zur Last werden. Und besonders interessant wird es, wenn sich verschiedene Dinge scheinbar zusammengetan haben, um fallenden Dominosteinen gleich, eine Aktion mit der nächsten verbinden. Ein schönes Beispiel dafür findet sich bei Theodor Vischer, in seinem Roman »Auch Einer(1878)«:
„Wer sollte zum Beispiel“, so erzählt die leidgeprüfte Hauptfigur, „einem simplen Knopf seine Verruchtheit ansehen? Aber ein solcher Racker hat mir neulich folgenden Possen gespielt. Ich lies mich gegen alle meine Grundsätze zur Teilnahme an einem Hochzeitsschmaus verleiten; eine große silberne Platte, bedeckt mit mehrerlei Zuspeisen kam vor mich zu stehen; ich bemerkte nicht, dass sie sich etwas über den Tischrand heraus gegen meine Brust hergeschoben hatte; einer Dame, meiner Nachbarin, fällt die Gabel zu Boden, ich will sie aufheben, ein Knopf meines Rockes hatte sich mit teuflischer List unter den Rand der Platte gemacht, hebt sie, wie ich schnell aufstehe, jäh empor, der ganze Plunder, den sie trug, Saucen, Eingemachtes alles Art, zum Teil dunkelrote Flüssigkeit, rollt, rumpelt, fließt, schießt über den Tisch, ich will noch retten, schmeiße eine Weinflasche um, sie strömt ihren Inhalt über das weiße Hochzeitkleid der Braut, ich trete der Nachbarin heftig auf die Zehen; ein anderer, der helfend eingreifen will, stößt eine Gemüseschüssel, ein dritter ein Glas um – o es war ein Hallo, ein ganzes Donnerwetter, kurz ein echt tragischer Fall: die zerbrechliche Welt alles Endlichen überhaupt schien in Scherben gehen zu wollen“ (Vischer 1908, 17f.).
Dieses Zitat ist einem Text von Eva Horn entnommen, in dem sie unter der Überschrift »Die Zukunft der Dinge - Imaginationen von Unfall und Sicherheit«(PDF) beschreibt, wie in Fiktionen von der Unheimlichkeit von Dingen erzählt wird. Tückische Technologien haben es nun auf die Menschen abgesehen und erzeugen ein Gefühl der Angst als Grundrauschen der Moderne. Erzählungen über Unfälle nehmen einen breiten Raum in Nachrichten ein, entwickeln sich weiter bis zu den modernen Märchen oder Horrorgeschichten, und nehmen somit heute den Platz ein, den früher Geister, Magier oder Hexen hatten.

Früher hatte der Mensch Angst vor Dingen die er sich nicht erklären konnte und in Horrorgeschichten wurde davor gewarnt. So ist es auch heute noch, nur sind es nun Unfälle vor denen man sich fürchtet, und somit wird den Dingen die Eigenschaft zugeschrieben, Unfälle auslösen zu können, ohne das wir dies vorher erkennen können. Die Angst vor dem Unfall, der auch jedem technologischen Prozesess droht, ist an die Stelle früherer Ängste getreten und ist so etwas wie moderner Aberglauben, der auf nichts weiter als Unwissenheit beruht.
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