Juni 02, 2015

Mein Weg in den Westen

Wo beginnt man, will man erzählen warum man in der DDR zum Oppositionellen geworden ist, warum es diese Entwicklung hin zu Wehrdienstverweigerung oder Ausreiseantrag gegeben hat, und warum keine andere? Wie konnte das Gefühl eines Deplaziertseins entstehen? Man wird bei Kindheit anfangen müssen, dem sozialen Umfeld, der Welt der Eltern und Großeltern. In die Welt der frühesten Freunde oder Kumpels eintauchen müssen, die der Schule, alles Dinge, die auf den ersten Blick gar nicht vermuten lassen, dass sie möglicherweise ursächlich für eine grundsätzlich kritische Haltung der Umwelt gegenüber ist. Je länger man in diese Erinnerungen eintaucht, sie in Frage stellt, ob sie nicht vielleicht mehr Rechtfertigungsnarrative sind, nachträglich entstandene Erinnerung, um so unsicherer wird man darüber, dass Opposition eine bewusste Entscheidung ist oder war.

Hier in Glitzerwasser ist die DDR ja immer wieder ein Thema gewesen, nicht zuletzt mit der Ausreiseantragserie. Auch frühere Beiträge spielen immer wieder mit dem Thema DDR. Sei es, wenn es darum ging, warum das Bürgertum dort verschwand, oder die Frage, was DDR als Heimat für andere bedeutete. Diese verschiedenen Betrachtungen versuche ich nun in eine Erzählung zu verknüpfen, eine Erzählung über mich in der ostdeutschen Welt, die eben nicht nur vom real existierenden Sozialismus geprägt war, sondern von ganz unterschiedlichen Biographien und individuellen Umständen durchsetzt, die eine ganz eigene Welt generierten.

Der Arbeitstitel dieses nun entstehenden Manuskript lautet: »Ein kalter Wind, mein Weg in den Westen«. Einiges von dem was hier auf Glitzerwasser diesbezüglich beschrieben wurde, wird sich dort wieder finden, aber neu kontextuiert und, so will ich hoffen, mit weiteren für den Leser interessanten Einblicken in die DDR-Gesellschaft der sechziger und siebziger Jahre. Alles aus ganz individuellem Blickwinkel ohne Anspruch auf allgemeingültige Beschreibungen. Ein kleiner Ausschnitt aus dem Manuskript:
Meine früheste Erinnerung ist eigentlich keine, sondern etwas was man mir über mich erzählt hat, es nun in mir als charakterbeschreibendes Element vorhanden ist, obwohl ich nicht wirklich weiß, was davon stimmt und was nicht. Im Alter von knapp über einem Jahr sollte ich in eine Kinderkrippe gesteckt werden, das war 1961. Dort aber, habe ich nur Theater veranstaltet und immer geschrienen oder phlegmatisch in der Ecke gehockt sein. Ansprechbar wäre ich kaum gewesen, und später deutete ich dieses Verhalten als Protest gegen etwas was mit mir geschah, ich aber natürlich noch nicht wissen konnte, was es ist. Diese Kinderkrippe war keine Kita, Kindertagesstätte, sondern die Kinder wurden dort für eine ganze Woche abgegeben.

Diese Wochenkinderkrippen wurden in der DDR speziell für Eltern eingerichtet die eine hohe zeitliche Belastung hatten, wie Schichtarbeiter beispielsweise, aber nicht nur für diese. Mein Vater war Schmied, die Mutter Weberin, beide mussten gelegentlich schichten, doch das war wohl nicht der Hauptgrund dafür, dass ich diese Einrichtung abgeschoben wurde, sondern die beengte Wohnsituation und die Absicht, vor allem meines Vaters, diese zu verbessern. Die Mutter hatte ja schon ihren Job wegen mir aufgegeben.

Groß wurde ich in einem dieser in den 1930er Jahren errichteten Siedlungshäuschen. Doppelhaushälften mit minimaler Ausstattung, allerdings mit großzügigem Grundstück. An diesem Häuschen, das selbst als neu erbaut war, schon damals kaum die Standards des Sozialwohnungsbaus der 1920er Jahre erreichte, musste modernisiert, aufgestockt und angebaut werden, um ein einigermaßen zeitgemäßes Wohnen möglich zu machen. Mein Großvater väterlicherseits war in Stalingrad geblieben, so wohnten nun dort noch die Großmutter, sowie meine Eltern und ich. Und dieser Umbau war auch der Grund, warum ich in die Kinderkrippe gegeben wurde. Über diesen Grund wurde aber nur ungern geredet, und es wurden mir auch verschiedene Erklärungen angeboten, warum es denn notwendig war, mich wegzugeben, wie es manchmal genannt wurde.

Meine Mutter war als Heimatvertriebene nach Glauchau, einer südwestlichen sächsischen Kreisstadt gekommen, ihre Eltern lebten beide noch, der Vater hatte den Krieg unversehrt überstanden, und obwohl meine Mutter manchmal über die Kämpfe in und um der Festung Breslau sprach, die sie nur vom hörensagen her kannte, so erwähnte sie nie, dass auch ihr Vater Soldat gewesen sei. Nur ihre Heimat, Schlesien, war allgegenwärtig, bis heute ist es ihre Heimat geblieben, die sie im Alter von acht Jahren verlassen musste. Mit ihr ihr ganzes soziales Umfeld. Onkels, Tanten, Cousins und Cousinen, die nun verstreut über Deutschland, Ost und West, lebten, und die noch ein große Rolle in meiner Entwicklung spielen sollten. Die Briefe, Weihnachts- und Geburtstagsglückwunschkarten, nicht zuletzt die Westpakete und gelegentliche Besuche machten mir schon in ganz frühen Kindertagen klar, dass es eine andere Welt als die von mir erlebte gibt.
Wenn es nun hier auf Glitzerwasser etwas ruhiger wird, so hat es den Grund, dass ich an diesem Manuskript arbeite. Aber bestimmt brauche ich gelegentlich eine kleine Auszeit von dieser Arbeit, und werde ich mich in gewohnter Manier zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen äußern. Nur nicht ganz so häufig wie bisher.
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