Juli 11, 2015

Das Burgfräulein

hat sich ihre Burg selbst gebaut und ist nicht hier geboren, sie hat weder Vor- noch Nachfahren und manchmal weiß sie selbst nicht woher sie stammt. Nur dass nun eine Burg, ihre Burg, in der Ebene steht, dort wo früher nur Felder oder Brachen waren, das fällt auf. Die Menschen ringsum kümmern sich nicht weiter um dieses Gebäude, und manche schämen sich gar, ein derartiges misslungenes Gemäuer in der Nachbarschaft zu haben. Das Burgfräulein hätte vielleicht einen Architekten fragen sollen, wie man denn so eine Burg baut, oder wenigstens einen Handwerker. Doch das hat sie nicht nötig, glaubt sie, und ist ganz stolz auf ihr Werk. Nur die Gegend behagt ihr nicht: flaches Land, keine Berge die man in Besitz nehmen könnte um dann gewissermaßen über den Dingen zu thronen.

Doch dort sitzen die Adeligen, die Lackaffen und Schnösel. Vor Generationen, Jahrhunderten schon, wurden diese Hügel besetzt. Nur mit viel Kampf könnte sie eine solche Burg in Besitz nehmen, und selbst wenn es ihr gelingen würde, sie würde sich nicht wohl fühlen dort. Die Traditionen, die Historien, die geradezu wie Gase aus den Steinen ausdünsten, würden sie an ihre eigene Herkunft erinnern. Nein, da zieht sie sich viel lieber auf ihre Burg zurück.

Manchmal vernimmt sie Nachrichten, die ihren Ursprung von einer dieser erhabenen alten Burgen haben. Posaunen künden die Neuigkeiten. Dann wird sie zornig, sie versteht diese Botschaften nicht, weiß nur, es muss gegen sie gerichtet sein. Sie hat keine Posaunen und kennt auch niemand der sich auf die Kunst versteht, mit diesen das Volk zu informieren. Dann reitet sie aus, mit feuerrotem Kopf und vor Wut schnaubend um den anderen Burgherren zu zeigen, dass diese nur Lügen verbreiten. Posaunen lügen immer. Ein paar Helfer führt sie im Schlepptau mit, diese sammeln unterwegs Mist und Schlamm und Dreck auf, und bewerfen damit diese alten Burgen. Manchmal gelingt es ihr einen der Posaunenbläser mit Dreck zu bewerfen, der hatte dann den Fehler gemacht, sich zu ihr hinab zu begeben, weil er glaubte, dem fremden Burgfräulein nur erklären zu müssen, wie man die Posaune zu handhaben hat, und was die Töne bedeuten.

An solche Erfolge erinnert sich das Burgfräulein dann sehr lange, und immer wenn sie mit ihren paar Getreuen zusammensitzt, dann werden diese Geschichten erzählt, wie es ihr gelungen ist, die anderen Burgen zu besudeln.

Sollte sich einmal ein Fremder auf die Burg des Burgfräuleins verlaufen, so wird er dort umschmeichelt und bewirtet. Und er wird gewarnt vor diesen anderen alten Burgen, wie dreckig sie seien und wie diese stinken. Und nur dem Burgfräulein ist es zu verdanken, die die den ganzen Dreck und Mist dorthin brachte, dass die Fremden nun sehen, welch mieser Charakter auf den Hügeln zu Hause ist.

Aber wehe dem Fremden, sollte er erwähnen, dass ihm die Klänge der Posaunen wahrhaftig erscheinen, dann wird das Burgfräulein wieder zur Furie und jagt ihn davon. Was soll sie auch machen, ihre Burg steht in der Ebene, ist von ihr selbst erbaut, und kann sich nur empor heben, in dem sie andere beschmutzt.
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