November 03, 2015

Der Sex und die Flüchtlinge

„Knastschwul ist nicht wirklich schwul.“ erklärte mir mein gerade aus dem Knast entlassene Kumpel. Ihn hatte man in Ungarn gegriffen, als der über die Grenze nach Österreich abhauen wollte. Etwas mehr als ein Jahr hatte er bekommen, vielleicht anderthalb, und war dabei recht günstig weg gekommen. Die Ungarn hatten ihn an die DDR ausgeliefert, dort wurde er verurteilt, aber zu einer verhältnismäßig milden Strafe. Warum so milde, wir können nur raten. Nun war er aber erst mal draußen und hatte einen Ausreiseantrag gestellt. Wir aber wollten von ihm als erstes wissen, wie es denn im Knast zugegangen sei. Denn die Drohung dass wir, meine damalige Frau und ich, ebenfalls in den Knast wandern müssten, die war allgegenwärtig. Zwar versuchten wir dem Staat so wenig wie möglich Gelegenheit zu geben, uns wegen irgendwelcher Vorwände einzulochen, doch wer wusste schon genaueres, welche Gedanken und Mutmaßungen in den verqueren Hirnen von Stasi und Genossen entstehen?

Eigentlich hätten mein Kumpel und ich eine Menge zu diskutieren gehabt, er konnte mir ja nicht auf meine vielen Briefe in den Knast antworten, und so einiges harrte der Diskussion, beispielsweise meine Schilderung über meinen Glauben. 1981/82 war dies, und ich begann mich vom Christentum zu lösen, vom Glauben, empfand ihn nicht mehr als Haltepunkt oder Anker der mir Sicherheit und Geborgenheit gibt, sondern als Einengung und Bevormundung. Ich ertappte mich einmal bei einem vielleicht ungehörigen Gedanken, vielleicht war es Hass, vielleicht was anderes, ich weiß es nicht mehr, jedenfalls ertappte ich mich dabei, mich zu fragen, ob ich dies denken dürfte, was ich gerade dachte. Mir wurde bewusst, dass ich mir Scheuklappen beim Denken aufsetzte, sich Denktabus eingeschlichen hatten. Und um diese Tabus wieder los zu werden, dafür musste ich an die Wurzeln der Überzeugungen, des Glaubens und des Denkens. Es war ein Prozess, der in mir, selbst heute noch in der Erinnerung, geradezu körperliche Schmerzen hervorruft, und der, wenn ich ehrlich bin, bis heute nicht abgeschlossen ist.

Doch darauf ging mein Kumpel gar nicht weiter ein, jedenfalls nicht in diesem Moment, in den ersten Wochen nach der Haftentlassung. Und ich hatte auch brennendere Fragen, solche die überhaupt nichts mit unserer regimekritischen Einstellung oder auch die über den Glauben zu tun hatten. Es ging um Sex. Wir waren in die gleiche Klasse gegangen, nun beide einundzwanzig Jahre alt, und die Produktionsmengen der Hormone müssen gigantisch gewesen sein. Wie das eben bei jungen Männern in dem Alter so ist. Die Vorstellung, über einen längeren Zeitraum eingesperrt zu sein, mit zwanzig ist ein Jahr ein längerer Zeitraum, und keinen Sex mit einer Frau haben zu können, war eine Vorstellung, die der von Folter glich. Und so berichtete mein Kumpel, unter anderem eben auch, dass manche Häftlinge »knastschwul« werden würden, was aber nur ein Notbehelf wäre, weil die Sehnsucht nach körperlicher Nähe und Zärtlichkeit und Sex eben nicht auf Dauer unterdrückt werden kann. Selbstverständlich begann ich mir vorzustellen, was wohl mit mir im Knast passieren würde.

Eigentlich ist das schon die ganze Geschichte. Freilich könnte ich weiter erzählen, wie sich die Vorstellungen über Sex, Liebe, Partnerschaft und Zärtlichkeit im Laufe der Zeit gewandelt haben, durch schmerzhafte oder glückliche Erfahrungen, durch die offensichtlich veränderte Hormonproduktion wahrscheinlich auch. Würde heute mein Kumpel aus dem Knast entlassen, jetzt sind wir beide Mitte Fünfzig, wir würden als erstes über die Briefe diskutieren, die darin noch nicht beantworteten Fragen aufwerfen, und bestimmt nicht in erster Linie über Sex im Knast sprechen. Prioritäten ändern sich im Laufe des Lebens. Der Hochmut des Älteren, es heute alles besser zu wissen, als in der Zeit als man noch jung war, ist ein trügerischer, weil wir uns verändern und dadurch eben auch sich ändert was wichtig ist. Der manchmal gebrauchte Spruch, „wenn du älter bist, wirst du es verstehen“, drückt diesen Hochmut ebenfalls aus. Wichtig ist hier und jetzt, nicht das was wir vielleicht später darüber denken, weil wir später auch andere Personen sein werden, in einer anderen Welt. Wie das eigene Ich in zwanzig Jahren aussieht, das vermag niemand vorherzusehen.

An meinen Kumpel, und unsere Gespräche, als er aus dem Knast kam, muss ich mich dieser Tage immer wieder erinnern. Dann wenn ich, vor allem im Supermarkt, meist beim Aldi, die hier im Ort untergebrachten Flüchtlinge sehe. Die haben sich immer ordentlich benommen, sind alles junge Männer, Schwarze. Die Bezeichnung ist wahrscheinlich politisch nicht korrekt, doch das ist mir egal, ich benutze »Schwarze« nicht als Schimpfwort oder abwertend. Die kommen oft zum Einkaufen per Fahrrad, irgendwie haben sie alle neue Fahrräder bekommen, eines ist ein Dreirad, wahrscheinlich für jemanden, der nicht Fahrrad fahren kann. Gerade diesen fragte ich mal, auf dem Parkplatz vorm Aldi, wo man so ein Rad bekommen könne. Es war eine ernsthafte Frage, weil tatsächlich meine Frau ein solches Dreirad haben möchte, die kann nämlich auch nicht Rad fahren.

Er verstand mich nicht, und ich wiederholte die Frage in Englisch. Das ging gut, die Verständigung klappte ausgezeichnet. Allerdings konnte er mir keine Auskunft auf meine Frage geben, er wusste es auch nicht, sie hätten die Räder eben bekommen, woher, das konnte er mir nicht sagen. Später dann sah ich diesen jungen Mann, auf diesem Dreirad sitzend, sich per Smartphone mit jemandem anderen unterhaltend. Es muss per Videochat gewesen sein, denn er hatte sich so platziert, dass ein entsprechend angenehmer Hintergrund vorhanden war. Das Telefon hielt er in Augenhöhe vor sich, und in Armlänge vom Gesicht entfernt. Ganz offensichtlich ein Videochat, oder welche Bezeichnung auch immer dafür richtig ist. Verdammt, ich werde alt, weiß gar nicht so richtig, welche Begriffe die jungen Leute heute so verwenden.

Schick angezogen war er auch, sind sie immer, mit einer Bassballkappe auf dem Kopf, diese ein klein wenig schief sitzend, was aber sehr gewollt aussah, so als ob es vor dem Spiegel einstudiert worden ist. Das Fahrrad, der junge Mann, das Smartphone und der Hintergrund, alles roch nach Inszenierung. Vielleicht waren es Verwandte mit denen er sich unterhielt, oder mit einem Mädchen. Das war dann der Punkt, ich musste an die Gespräche mit meinen Kumpel denken. Wie hält es der junge Mann aus hier allein zu sein, fragte ich mich, wo bekommt der Sex her. In dem Alter ist das eines der dominantesten Bedürfnisse. Und man sah und merkte es ihm an, dass es bei ihm genau so ist.

Im Knast gibt es nicht viele Möglichkeiten eigene Bedürfnisse zu befriedigen, gerade wenn es um Zwischenmenschliches geht. Wie ist dies aber in einer normalen Umgebung, einer Mischung aus Ländlichkeit und Vorstadt, ohne die Drangsalierungen eines Gefängnisses? »Knastschwul« zu werden ist ja keine Option, es gibt ja potentielle Partner in der Umgebung die den eigenen Bedürfnissen entsprechen. Ob diese sich allerdings zu den Flüchtlingen hingezogen fühlen, das wage ich nicht zu beurteilen, doch wenn man Berichte von Seitensprungportalen glauben mag, so ist bei den Schwaben auch nicht alles so bieder und geordnet wie es scheint. Es könnte also durchaus sein, dass die offensichtlichen Bemühungen des jungen Mannes um Aufmerksamkeit auch vor Ort vom Erfolg gekrönt wird. Zumindest was den Sex betrifft, Liebe und Partnerschaft ist noch mal was anderes. Doch auch dieses Bedürfnis, nach Liebe und Partnerschaft, muss befriedigt werden, oder es führt zu Persönlichkeitsstörungen oder zu Kompensationen, von denen wir nicht wissen, wie sie aussehen könnten. Im Knast ist das klar, da kann man es beobachten und steuern, aber in der Freiheit nicht.

Ich will es noch mal in Erinnerung rufen: Wir haben es hier mit jungen Männern zu tun. Deren Prioritäten sind anders als die der meisten Menschen die mit Flüchtlingsfragen beschäftigt sind. Darüber achselzuckend hinweg zu sehen, zeigt nur an, dass das Verständnis über Generationen hinweg von viel Vergessen beeinträchtigt wird. Das Vergessen darüber wie man selbst mal war, wie man selbst empfunden hat, welche Begierden in uns brannten. Natürlich werden die jungen Männer, dann wenn sie danach gefragt werden, was sie begehren, nicht antworten: Wir brauchen was zu Mauseln, wie es Michael Klonovky wunderschön ausdrückte. Seine Einschätzung darüber, wie erfolgreich die Bemühungen diesbezüglich sein werden, sind allerdings etwas pessimistischer als die meinen.

Einiges Kopfschütteln verursachte auch die Forderung eines evangelischen Pfarrers in München, wonach Prostituierte für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt werden sollten. Dabei hat der Geistliche nur genau das erkannt, was offensichtlich ist und keiner sich getraut auszusprechen. Nur, wie alle die so gerne helfen, übersieht Pfarrer Wagner natürlich die praktischen Auswirkungen. Bekommen dann Asylbewerber Freikarten für den Puff und der Single-Harz4-Mann nicht? Und was hätte das erst für Auswirkungen auf die Herkunftsländer, wenn dort publik wird, dass Asylbewerber Frauen zum Sex zur Verfügung gestellt bekommen. Deutschland muss das Paradies sein, und da kommt man rein, ohne Märtyrer zu sein. Sogar willige Frauen werden zur Verfügung gestellt, im Paradies gibts nur Jungfrauen. Das mag für Männer mit einem sehr unausgeglichenen Sexualleben vielleicht reizvoll erscheinen, für mich wäre es, nur von Jungfrauen umgeben zu sein, die reine Hölle.

Er hat Recht mit dem was er sagt, der Pfarrer Wagner, dass die Bedürfnisse der Flüchtlinge weiter gehen als ein Dach übern Kopf zu haben, etwas zu Essen und zu Trinken. Sie haben Bedürfnisse die für sie mindestens genau so wichtig sind, wie jene zu wohnen, zu essen und zu trinken. Mit ihren Bedürfnissen treten sie in einen Markt ein, werden zu Akteuren im Markt. Den Wohnungsmarkt, den Arbeitsmarkt und nicht zuletzt in den Partnerschaftsmarkt. Dreifach Frust ist vorprogrammiert, weil sie überall dort keine guten Chancen haben. Theoretisch kann der Staat bei den Wohnungen und der Arbeit helfend eingreifen, beim Bedürfnis nach Sex und/oder Partnerschaft nicht. Es sei denn der Vorschlag mit den Prostituierten setzt sich durch.

Dies wird aber zu Problemen mit den konkurrierenden Personengruppen am Markt führen. Im Wohnungs-, dem Arbeits- und dem Partnerschaftsmarkt. Werden bestimmte Personen, hier die Flüchtlinge, bevorzugt, so ruft dies Empfindungen von Ungerechtigkeit hervor. Greift der Staat nicht ein, in den Markt, haben die Flüchtlinge keine Chance. Es ist ihre große Zahl, die die Probleme verursachen. Doch bleiben wir beim Sex. Was passiert mit sexuell frustrierten jungen Männern? Die manchmal erwähnte Befürchtung, dass diese dann zu Übergriffen auf Frauen neigen, sexuelle Belästigungen und Vergewaltigungen sich mehren, ist nicht ganz von der Hand zu weisen, wobei mir diese scheinbar logische Annahme etwas zu billig ist. Der Frust kanalisiert sich auch anders, meistens anders. Die größte Quelle für politisch nutzbaren Frust, so meint die Autorin Karin Kneissl in ihrem Buch »Testosteron macht Politik«, ist nicht ausgelebte Sexualität. Islamistische Rattenfänger, beispielsweise, werden leichtes Spiel haben, und wir werden es mit Aufklärung oder Gesetzen nicht verhindern können.

Als mein Kumpel aus dem Knast kam, war das uns wichtigste Gesprächsthema der Sex dort. Wir waren jung und der Sex war die dominanteste unserer Begierden. Ob dieses Thema auch ein Gesprächsstoff unter jungen männlichen Flüchtlingen ist, wissen wir nicht. Dass der sexuelle Frust ihre Gefühle und auch ihr Handeln, ja selbst ihr Weltbild, beeinflussen wird, wissen wir sehr wohl. Dieses Problem kann weder von der Gesellschaft noch vom Staat gelöst werden, wir können uns nur davor schützen, in dem wir nicht mehr alleinstehende junge Männer zu Massen in die Gesellschaft einwandern lassen.

»Wir schaffen das« sagt Frau Merkel, und ein paar andere, die ebenfalls nichts von der Natur junger Männer verstehen. Was will sie denn schaffen? Dass Menschen ihre Begierden, ihre Leidenschaften und Gefühle verleugnen?

Kommentare :

  1. Entschuldigung, gäbe es nicht einen anderen Begriff als "Rattenfänger"?
    Wenn ich die Verwendung dieses Begriffes bei Kraft, Schramma und de Maiziere kritisiere, weil er impliziert die die ihm folgen seien Ratten, also Tiere, bzw. (man schaue nach beim "Rattenfänger von Hameln") Kinder, also Unmündige, und welches Menschenbild dann die Verwender haben (müssen), dann kann ich ihn hier nicht unkritisiert stehen lassen.
    (Von einer weitergehenden Interpretation, nämlich das der Rattenfänger mit einer gewissen Berechtigung handelt, da der Rat der Stadt Hameln ihn um den abgesprochenen und verdienten Lohn betrügt, mal noch abgesehen!)
    Nur so als Idee, wie wäre es mit "Leimrutenleger"?

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  2. Unterstellen wir mal , der junge Schwarze mit dem Fahrrad ist ein Wirtschaftsflüchtling. Welche Meinung oder Achtung wird er wohl von den Menschen, die ihm hier helfen und unterstützen, haben? Was wird er seinen Leuten in seiner alten Heimat berichten? Konnte er denn seine Sexualität in seiner alten Heimat ausleben?

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