November 01, 2015

Winnetou und die virtuellen Welten

Winnetou lebt - mal wieder, möchte man anfügen. Am ersten November ist ein Thementag mit zehn Karl May Filmen im 3sat. Nicht lange ist es her, zum Tode von Pierre Brice im Juni, da konnte man die letzte Flut von diesen Filmen zu sehen, aber eigentlich braucht es dafür keinen Anlass, denn im vom Guten träumenden Deutschland ist Winnetou sowieso unsterblich und nur die visuelle Verkörperung in Form des Schauspielers Pierre Briece ist gestoben. Dieser verschmolz aber mit seiner Rolle so sehr, verinnerlichte diese Figur fast genau so, wie es der ursprüngliche Schöpfer dieser Figur, Karl May, mit dem Blutsbruder Winnetous, Old Shatterhand tat. Viele Jahre, Jahrzehnte, ließ der sächsische Schriftsteller seine Fangemeinde glauben, er wäre tatsächlich dieser Abenteurer und Freund Winnetous. Also nicht nur wurde die fiktive, die imaginäre Welt eines Literaten und Künstlers, als reale Welt verkauft, was ja in der Literatur nicht ganz unüblich ist, sondern Karl Mays Avatar, in diesem Falle eben Old Shatterhand oder Kara ben Nemsi, wurden reale Personen, weil sie identisch mit dem Schriftsteller wurden.

Immer wieder also laufen einige dieser Karl-May-Filme im Fernsehen. Länger als ein paar Minuten ertrag ich keinen, auch schon früher nicht, nein, ich war nie ein Fan von Karl May, weder von den Filmen die diesen Beinahmen trugen, noch von den Büchern. Zu schwülstig, zu moralisierend, Romantik pur. In der Schule, mit den Spielkameraden, gab es zwei Parteien, auch beim »Cowboy und Indianer« spielen, und zwar die die Fans von Karl May waren, oder die von den Lederstrumpfgeschichten von Jerome D. Cooper. Diese Geschichten habe ich gerne gelesen. Cooper schien mir authentischer. Letztere Geschichten schienen mir mehr eine Beschreibung einer Wirklichkeit zu sein, während Karl May die Beschreibung einer idealisierten Wirklichkeit ist. Und wenn schon Abenteuer, dann doch lieber HuckFin oder Jack London.

Cowboy und Indianer, damit sind wir beim spielen. Rollenspiele. Auch ohne dass es dazu eine Anleitung oder technische Hilfsmittel braucht, immer wieder schlüpfen Menschen lustvoll in andere Persönlichkeiten. Manchmal in Eigenkreationen, dann wieder in Vorbilder oder ein Klischee. Die Lust am Theater, der Verwandlung, ist uralt und gehört zur Natur der Menschen und hatte bei den Tänzen und Gesängen der Jäger und Sammler Bedeutungen bis hin zur Spiritualität.

Heute nun sehen wir eine weitere Art der Verwandlung, die im virtuellen Raum. Computerspiele erlauben nicht nur ein Spielen mit Persönlichkeiten sondern gleich mit ganzen Welten. Ich bin kein Spieler, am Computer schon gar nicht. Diese neuen Spiele, kann ich nur verstehen, wenn ich sie mit etwas vergleiche was ich kenne und nachvollziehen kann. Zum einem haben wir es offensichtlich mit der Gestaltung einer eigenen Umwelt zu tun, mit gleichzeitiger Entwicklung einer Persönlichkeit im Spiel und im virtuellen Raum. Also etwas, was in der Vergangenheit hauptsächlich ein Metier der Romane und der Malerei war. Oder später des Filmes, welcher ja oft auf Romane oder Filme aufbaut. Ein großer Unterschied scheint mir zu sein, dass nun ein jeder Spieler an diesem Bild, an dieser Welt teilnimmt. Dabei eigene Reflexionen verarbeitet, gleichzeitig Wünsche und Gelüste, oder Ängste. Also alles etwas was in Literatur und Kunst vergangener Zeit auch geschehen ist. Nur dass es da eben diese Trennung zwischen dem Künstler und dem Publikum gab, die sich nun im Spiel immer mehr verwischt. Ein jeder wird zum Künstler.

Wieder muss ich muss hier an Karl May denken, oder Caspar David Friedrich, die sich ihre jeweiligen Welten selbst kreiert haben, in ihren Imagenationen praktisch aufgegangen sind. In diesen neuen Spielen ist jeder ein bisschen wie Karl May, der sich seinen Avatar schaffte, sich als Old Shatterhand oder Kara ben Nemsi ablichten ließ. Jetzt kann jeder irgendwie Karl May sein, darin scheint der große Reiz dieser Spiele zu liegen.

Was verraten uns eigentlich diese virtuellen Welten über uns selbst? Sind sie eigentlich verschieden zu den imaginären Welten der Vergangenheit. Derer von Karl May beispielsweise. Lassen sich die Denkmuster, die wir in Hinblick auf die Imagenation von Wirklichkeit haben, auch auf Spiele anwenden, sind diese nur eine Fortführung, oder Erweiterung dessen, was bislang in Kunst und Literatur abgebildet wurde.

Karl Mays reale Reise in den Orient, auf den Spuren Kara ben Nemsis, geriet zum Desaster. Da waren alle seine großen Geschichten ja schon geschrieben, die Verschmelzung seiner Identität mit seiner imaginären schon geschehen. Mit der Wirklichkeit konfrontiert, die so gar nicht viel mit diesen idealisierten Welten, die er sich selbst kreierte, zu tun hatte, folgte der Nervenzusammenbruch. Seine Frau fürchtete, dass er einer Irrenanstalt zugeführt werden müsse, und andere Biographen mutmaßen, dass diese Zusammenbrüche mit dem Einbrechen der Realität in Mays Traumwelt zu tun hat. Wenn wir nun aber alle kleine Karl Mays werden, uns unsere Wirklichkeit konstruieren in Spielen, die eigentlich keine Spiele mehr sind, sondern Imagenationen unserer Träume und Wünsche, und nicht nur das, sondern Parallelwelten, oder denkbare Alternativwelten, weil sie gleichzeitig erlebbar sind, so wie ein Künstler sein eigenes Werk empfindet, als Teil von sich selbst, dann erliegen wir auch schnell unserer selbst geschaffenen Illusion einer verdammt gut gemachten virtuellen Welt.

Wie ist dies aber mit anderen idealisierten Welten, solchen die auch am Computer erschaffen sind, wie die von der angeblichen Klimakatastrophe, oder die mittels Ideologien erschaffene für alle Welt offene Einwanderungsgesellschaft? Traumwelten vergleichbar denen von Karl May, oder denen die als Computerspiele entstehen, mit der Annahme die eigenen Imagenationen und deren künstlerische oder ideologische Ausgestaltung würde die reale Welt sein? Erleben wir dann auch, ähnlich wie Karl May, einen kollektiven Nervenzusammenbruch weil die Realität in unsere Traumwelten eindringt?

Winnetou ist tot, in der Realität hat er nie gelebt, nur in den Traumwelten. Wer dies nicht trennen kann, meint seine Traumwelten wären die Realität, wird ein böses Erwachen erleben. Traumwelten im TV, am Computer, in der Literatur und der Kunst, und natürlich die in unseren Köpfen, gehören zu uns, zum Menschsein, ich möchte diese Träume nicht missen. Erfolgt aber eine Flucht aus der Realität in die Träume, nicht nur im kreativen Durchspielen von Möglichkeiten oder Unmöglichkeiten in der Phantasie, sondern so dass Träume Wirklichkeit zu werden scheinen, dann ist mit uns eine Verwandlung geschehen. Wir werden zu unserem eigenen Avatar, der sich in unserer kreierten Scheinwelt bewegt. Die Fähigkeit zur Verwandlung, so schreibt Elias Canetti, hat jeder, jeder wendet sie an, jeder hält sie für natürlich. Karl Mays Verwandlung war eine Fluchtverwandlung, eine aus der Realität heraus, vielleicht weil er sie nicht nicht mehr ertrug, wir alle geben uns gelegentlich solchen Verwandlungen hin. Eine Gesellschaft die nur noch das Gute will befindet sich ebenfalls im Zustand der Fluchtverwandlung und kreiert sich dabei eine Welt die es in der Realität nicht gibt.

Das Einbrechen der Wirklichkeit in Karl Mays Fluchttraumwelten hat bei ihm eine tiefe seelische Krise ausgelöst, und ihn beinahe in die Irrenanstalt gebracht. Wie wird die Krise der deutschen Gutmenschengesellschaft aussehen wenn hier die Wirklichkeit in die Traumwelten einbrechen wird und die Avatare sterben lässt?
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