Januar 02, 2016

Der Patriot

Am liebsten steht er, der Patriot. Kerzengerade als hätte er ein Lineal verschluckt. Fordert ihn jemand auf, sich hinzusetzen, Platz zu nehmen, so schaut er zuerst links und rechts, ob andere Personen noch stehen. Die könnten ja dann auf ihn herabsehen, dankend lehnt er ab. Ein König darf sitzen, auf einem Thron, seine Untertanen müssen auf die Knie vor ihm. Immer die Augenhöhe ist entscheidend, wer Herrscher und wer Beherrschter ist. Der Patriot ist viel zu stolz, niemals würde er sich vor jemanden erniedrigen, schon deshalb ist er für die Republik, Demokrat natürlich auch, doch das ist ihm nicht so wichtig, eigentlich käme er auch mit einer Diktatur klar, Hauptsache man nimmt ihn ernst und niemand zwingt ihn sich hinzuknien.

Fragt man ihn, was seinen Patriotismus ausmacht, so sind keine klare Antworten zu erwarten, über sich selbst macht er sich nicht so viele Gedanken. Er ist wie er eben ist, wichtig erscheint ihm nur, dass sich alle Menschen auf Augenhöhe begegnen. Dies ist sein Indikator über die Freiheit der Gesellschaft der er sich zuordnet, als auch anderen Gesellschaften gegenüber. Zeigt dieser Indikator an, dass sich die Augenhöhen zu stark unterscheiden, dann wird er aktiv. Er macht sich zum Fürsprecher derer die sich nicht gerade hinstellen möchten oder können, und zum Feind der anderen, die sich künstlich erhöhen.

Da der Patriot über sich selbst eigentlich nichts weiß, sucht er sein Spiegelbild in der Gesellschaft. Ist diese auch so aufrecht wie er? Meist ist dies nicht der Fall, es sind in der Mehrzahl Opportunisten, die der Patriot erkennen kann. Menschen die sich anpassen und dabei erniedrigen, auf die Knie gehen vor etwas anderem. Was es ist, vor dem die Leute ducken? Niemand weiß es, es ist auch unwichtig. Entscheidend ist nicht die Ursache, sondern die Wirkung: Der aufrechte Gang wird verlernt.

Oft wird dem Patriot vorgeworfen, er würde sich gegenüber anderen erheben, welch ein Trugschluss. Was kann er dafür wenn sich Menschen erniedrigen, wenn sie mit krummen Rücken und gesenktem Blick durchs Leben gehen, dann muss er ja auf sie herab blicken.
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