September 25, 2016

Technik und der menschliche Instinkt

Sloterdijk hat sich in seinem Buch »Was geschah im 20. Jahrhundert« auch dem Begriff Anthropozän gewidmet. Ich will nicht wiederholen was er schrieb, aber ein paar Gedanken könnten interessant sein. Zum Beispiel der, dass die Technik die Lösung aus der angenommenen Begrenztheit der Erde sein könnte. Wörtlich: „Wir wissen noch nicht, welche Entwicklungen möglich werden, wenn Geosphäre und Biosphäre durch eine intelligente Technosphäre und Noosphäre weiterentwickelt werden. Es ist nicht a priori ausgeschlossen, daß hierdurch Effekte auftreten, die einer Multiplikation der Erde gleichkommen.“ Mich überzeugt das noch nicht ganz, weil er nicht auf das eingeht was die Technik für den Menschen eigentlich ist. Könnte es sein, so meine Überlegung, dass die Technik eine Naturkonstante ist, sie also zum Menschsein gehört wie seine Sprache und seine Kultur oder seine Sexualität? Also etwas spezifisch menschliches.

Dann, ein bisschen weiter gedacht, wäre auch keine Ideologie oder kein spezielles Kulturmodell nötig um zu begreifen, was Technik für den Menschen ist. Menschsein bedeutet dann, die Technik als Teil des Selbst zu begreifen, als eine Naturkonstante die es dem Menschen ermöglicht aus seiner Begrenztheit im Realen heraus zu kommen.

Die Technik ist dann nicht nur eine Antwort auf reale oder imaginäre Probleme, oder ein Hilfsmittel dafür Imagenationen und Wünsche real werden zu lassen, sondern sie ist im Menschen selbst begründet, ist wie sein Atmen oder seine Verdauung, und nicht etwas kulturell erlerntes.

So gesehen wäre auch die Rede vom Technium falsch, von einem Zeitalter der Technik, weil es etwas ist, was im Menschen selbst angelegt ist, zu seinem Wesen gehört und schon immer da war. Es ist etwas was bereits durch die biologische Evolution entstanden ist, und nicht erst über den Umweg des Bewusstseins und der Kultur. Technik wäre dann ein Instinkt des Menschen.

Bewusstsein und Kultur können diesen Instinkt befördern oder behindern, wie das beispielsweise in den Religionen mit der Sexualität geschieht, oder mit Ernährungsvorschriften. Instinkte und Triebe werden eingehegt und kanalisiert, auch kulturell. Meinen Gegner töte ich nicht und ich gebe mich beim Anblick eines schönen Mädchen nicht automatisch meinen sexuellen Begierden hin. Nur als Beispiel und theoretisch.

Doch es gehört zur Problemlösungsstrategie des Menschen die Technik zu Hilfe zu nehmen, schon immer seit Menschen Menschen sind. Es ist sein Instinkt nach der Technik zu greifen, sobald er ein Problem entdeckt, angenommene oder tatsächliche Probleme sollen eigentlich schon immer mittels Technik gelöst werden.

Zwar wird manches wird verboten, anderes gefördert, je nach Befindlichkeit und Kenntnisstand, was aber gar nicht geht, ist, Triebe und Instinkte gänzlich zu unterdrücken. Nur wenige schaffen dies, und meist nur unter Zuhilfenahme von Religion. Suffizienz, oder Verzicht auf Bedürfnisse die so tief im Menschen verwurzelt sind und auf seinem Instinkt beruhen, ist in der Masse unmöglich. Kulturell einhegen lässt sich es eine gewisse Zeit, nur werden dann die Mechanismen der Evolution auf die gesamte Kultur wirksam. Diejenige Kultur die Instinkte besser zu nutzen weiß, wird die Oberhand bekommen.

Sollten also wirklich die Ressourcen der Erde begrenzt sein, dann multiplizieren wir sie eben. Das ist eine Aufgabe die die Technik bewältigen kann. Intelligente Technosphäre und Noosphäre sind ja nur Beispiele wie es gehen könnte. Der Wunsch nach Vermehrung dessen was ist, vor allem dessen was knapp ist oder erscheint, ist ebenfalls eine anthropologische Konstante. Vermehrung, sprich Wachstum, zu unterdrücken geht auch nicht. Solange keine Technik dafür zur Verfügung steht knappe Ressourcen zu vermehren, greifen die Menschen zu symbolischen Hilfsmitteln, zu Regentänzen bei Wassermangel beispielsweise. Die erfolgreicheren Kulturen vertrauten aber mehr auf die Technik und schafften Wasser her um zu bewässern, gar um zu baden.

Abschließend: Nein, ich bin kein Technikfreak der glänzende Augen bekommt wenn er technische Errungenschaften sieht. Doch um die Technik ging es hier auch nur nebenbei, mehr um die Menschen, um ihre Instinkte, Triebe, Wünsche und um die Potentiale die in ihnen stecken. Dazu gehört eben auch die Technik. Sie ist ein menschlicher Instinkt. Die Evolution hat diesen Instinkt nicht aussortiert, im Gegenteil, sie hat ihn bestätigt.

Was dies für die Rede vom Anthropozän, vom Zeitalter der Menschen, bedeutet, werden wir sehen, die Debatte darüber beginnt ja erst. Vielleicht ist dieser Begriff Anthropozän, diese Rede, nur dem mangelnden Verständnis für die Natur des Menschen geschuldet. Der Natur insgesamt womöglich, vor allem wenn er von der Begrenztheit der Erde ausgeht. „Bisher hat niemand bestimmt, was der Erdkörper vermag.“ schreibt Sloterdijk in leichter Veränderung eines Spinoza Zitats. Die Potentiale können wir sicher nur erahnen, dass da aber noch viel möglich ist, sagt mir mein Instinkt.

Kommentare :

  1. Zur menschlichen Eigenart zählen Sachen wie https://www.youtube.com/watch?v=oThwrtMaH9c
    oder die Schwerkraft-Experimente aus der Steinzeit, wo man das spezifische Gewicht empirisch erforschte.
    https://www.google.de/search?q=menhir+bretagne+carnac&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwiMrKXM8LHPAhWM8RQKHXgoCAUQ_AUICCgB&biw=1067&bih=475

    Heute steht alles in den Tabellen-Büchern, sind wir weiter.
    Bleiben natürlich auch immer noch neugierig und nehmen Herausforderungen an.

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  2. Ein paar Spinozafreunde in den Niederlanden haben meine These zumindest zur Kenntnis genommen

    :„Dat het in de kop van dit blog van Spinoza geleende zinnetje bij hem voorkomt, ontleen ik aan een artikeltje van Quentin Quencher, “Technik und der menschliche Instinkt” dat eergisteren op zijn weblog verscheen en gisteren op twee andere sites onder dezelfde titel [cf.] resp. als “Technik könnte ein Instinkt des Menschen sein” [cf.] werd overgenomen.“

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  3. Lieber Quentin, ich bin Quasi in die Technik hineingefallen, weil sie mich nicht nur interessierte, sondern weil ich angeblich zu doof war ein Abitur am „Gymnasium“ zu machen.
    Also mit 16 Lehre, Technischer Zeichner, Apparatebau, Druckkessel etc., dann Ingenieurschule, zack weiter Zweitstudium TH, alles selbst finanziert, dann die anderen Kerle so stark und schlau machen, dass sie mich, nicht mehr brauchen.
    So, und jetzt bin im Unruhestand, und hab so meine Hobbys, wie in Blogs lesen und schreiben.
    Ich glaube es ist diese Neugier eines Teils der Menschen, die was herausfinden wollen, die etwas kombinieren wollen was funktioniert und das unser Leben erleichtert.
    Diese „Asterixe der Technologie“ picken in den Naturwissenschaften die Relationen und Funktionen, um dann was „Neues zu erschaffen“ was uns ein angenehmeres Leben beschert.
    Der Knackpunkt ist natürlich, man muss echt auf Zack sein, denn es ist von unseren Vorfahren schon so ungeheuer viel entwickelt worden, was die Kinder, Schüler und Studenten erstmal alles schnallen müssen, um „die Technik“ nicht nur zu Warten, sondern weiter optimieren zu können.
    Genau das ist die Nummer, den Bogen hinzukriegen, zwischen Romantik und Abstraktion.
    Nach der Ingenieurschule fuhr ich mit meinem grauen alten Käfer in die Fichtenschonung, holte die Liege raus und versuchte „den Vormittag“ grundsätzlich zu schnallen.
    An der TH wurden dicke Buchen der Ort, wo ich entspannt in den Himmel schauen konnte und ich saß gerne an einem Wasserfall, um die „Kurve zu kriegen“, die zwischen Abstraktion und der Romantik das Format zu erreichen, klipp und klar zu entscheiden.

    Ich glaube nicht, dass Technik eine Faszination auf die meisten Menschen ausübt, eher das gesellschaftlich 66% ein gestörtes Verhältnis zur Technik haben, denn sie ist das Resultat menschlicher Intelligenz!
    Ich halte es eher für wahrscheinlicher, dass 3 bis 5 % was erfinden und dann gibt’s noch die, die ihnen helfen, dass alles zu Warten und in Stand zu halten.
    MfG

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  4. Sehr schöner Text, Herr Quencher.

    "Die Potentiale können wir sicher nur erahnen, dass da aber noch viel möglich ist, sagt mir mein Instinkt." Da sind Sie nicht allein.

    Habe grade Sam Harris' TED Talk zur AI (artificial intelligence) gesehen und musste an Ihren Text denken.

    https://www.youtube.com/watch?v=R_sSpPyruj0

    Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass es gut aus geht für uns ;)

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  5. Martin Landvoigt7. Oktober 2016 um 14:19

    Ich finde die Überlegungen anregend, halte sie aber doch nicht für zwingend. Ein Beispiel:

    'Die Technik ist dann nicht nur eine Antwort auf reale oder imaginäre Probleme, oder ein Hilfsmittel dafür Imagenationen und Wünsche real werden zu lassen, sondern sie ist im Menschen selbst begründet, ist wie sein Atmen oder seine Verdauung, und nicht etwas kulturell erlerntes.'

    Hier wird Technik etwas Substanzielles, ein feststehender Begriff der mehr ist als eine Summe artifizeller Hilfsmittel und der Herstellung. Das Bedarf der näheren Klärung. Anthropologisch sind wir bei der Frage: Was ist der Mensch?

    Seine Neigung, seine Umwelt zu gestalten und zu eine mehr oder minder künstlichen, von der Technik bestimmten zu machen, kann man als Phänomen für gesichert halten. Aber unterscheidet sich dies wirklich von anderen Kulturleistungen? Ist der Übergang zwischen wissenschaftlich / technischen Umgang mit Dingen, der künstlerische Umgang mit Dingen und die Regelung menschlicher Beziehungen grundsätzlich zu unterscheiden? Ich meine nein.

    Die Neigung des Menschen, Kultur zu schaffen, ist ihm urtümlich gegeben. Technik ist teil davon. Kultur prägt sich jeweils spezifisch aus und führt zur Rückkopplung mit Bewusstsein und Selbstverständnis des Menschen. Es wäre darum wenig Hilfreich, Kultur als etwas grundsätzlich verschiedenes von Technik zu verstehen.

    P.S. Schade, dass die Kommentarfunktion zum Thema auf Science Skeptical ausgeschaltet wurde ...

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