Mai 28, 2017

Der Empörer

Seine Eltern waren Puppenspieler, besser Marionettenkünstler. Gleich neben einer kleinen Bühne wuchs er er auf, diese nannte sich Theater am Faden und befand sich in einem unscheinbaren Klinkerbau im zweiten Hinterhof. Früher war es wohl mal die Werkstätte eines Handwerkers. Mutter und Vater wurden durch das Leben an diesen Platz gespült, ihre Herkunft lag irgendwo im Osten oder Süden, der Puppenspieler glaubt, dass sie Zigeuner sind, dies aber vor ihm verschleiern. Wie immer, nie hörte er eine klare und eindeutige Aussage von ihnen, nicht mal eine Urzeit nannten sie ihm, bei der Ermahnung am Abend nicht zu spät nach Hause zu kommen. Es schien, als lebte jeder der Drei, der Empörer war ein Einzelkind, in einer jeweils eigenen Welt. Die der Eltern war eine des Ungefähren, sowohl als auch, vielleicht, obwohl, könnte, so und dergleichen relativierten sie jede ihrer Aussagen.

Nur die Marionetten durften Tacheles reden, auf den Punkt kommen, der Empörer liebte sie dafür. Freilich glaubten die Puppenspieler, also seine Eltern, sie hätten die Fäden in der Hand und könnten bestimmen was auf der Bühne geschieht; in Wirklichkeit aber war den Marionetten ihr Charakter vorgegeben, ihre geschnitzten Gesichter ließen keine Verstellungen zu, und sollten sie es versuchen, weil das Skript sie dazu zwang, so war es sofort klar und offensichtlich. Sie bestimmten somit was geschieht. Es ist die Illusion des Puppenspielers, zu glauben, die Puppe folgt ihm. Es ist genau umgekehrt.

Die Marionetten wurden seine Geschwister, der große Bruder, die große Schwester, sie konnten sagen wo es lang geht, sie wussten es durch ihren eindeutigen Charakter, das Ungefähre ist ihnen fremd.

Eine Zeit lang spielte der Empörer noch mit seinen Eltern, in dem er, beispielsweise beim Abendessen, eine absolute Aussage an die andere reite. Die Mutter blickte nach unten, der Vater zur Mutter, sie schämten sich für ihren Sohn. Vor allem aber konnten sie nicht antworten, in ihrer Sprache des Ungefähren fanden sich keine Worte mit denen sie hätten erwidern können.

Der Empörer hatte seine Macht entdeckt, wie er die Ungefähren zum Schweigen bringen konnte. Nun brauchte er nur noch die passenden Marionetten, Menschen mit geschnitzten Gesichtern, die das Ungefähre ebenso verabscheuen. Denen gibt der Empörer nun die Worte, weckt ihre Empörung und macht sie zu Empörten. Er selbst bleibt dabei ganz kühl und ruhig, als Puppenspieler, der er ist, kann er sich keine zittrigen Hände erlauben. Würden die Empörten eine Unsicherheit an ihm bemerken, sie würden sich einen anderen Empörer suchen.

Er spürt es, irgendwie, dass er sich in der Hand seiner Marionetten befindet, doch die Gedanken daran verwirft er sofort, es würde bedeuten, er gibt gedachten Möglichkeiten Raum, die aber nur eine andere Form des Ungefähren sind. Nein, er hat nun die große Bühne, verspürt die Macht, nur das Absolute schafft das. Niemals will er so werden wie seine Eltern, die mit ihrem provisorischen Theater im zweiten Hinterhof lediglich ein paar Kinder zum Lachen bringen.
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