Januar 06, 2015

Deutschland in der Pubertät

Ich habe immer darauf geachtet, meinen französischen Kollegen auf dem roten Teppich den Vortritt zu lassen.
(Helmut Schmidt, Bundeskanzler AD.)
Diese Symbolik kennzeichnet die Bundesrepublik Deutschland in der langen Nachkriegszeit, die erst mit mit dem Fall der Mauer zu Ende ging. In der Deutschen Demokratischen Republik war es nicht anders. Beide Deutschlands hatten ihren Platz in der internationalen Familie, wurden als Kinder der Alliierten geboren, und nach dem diese Verbindung zerbrochen war, im Ost-West-Konflikt getrennt und jeweils einem Elternteil zugesprochen. Genau wie Kinder in einer Familie, lernten und übernahmen sie die Werte und Verhaltensweisen von den Eltern. Geschichte wurde wie Ahnengeschichte gehandhabt, jeweils selektiv das ausgewählt was ins Bild passte, meist pädagogisierend, selten erklärend. Die Deutschlands waren eben ganz etwas Neues, ein Beginn in einem Familienverbund, mit begrenzten Rechten, so wie Kinder eben.

Doch irgendwann werden Kinder erwachsen, das neu vereinigte Deutschland ist es nun, rechtlich gesehen. Emotional allerdings, befindet es sich noch auf der Suche nach seinem Platz im Leben, in der Welt. Wie es ein Pubertierender tut, werden nun die alten Sinnbilder, vor allem die die in der Nachkriegszeit vermittelt wurden, auf den Prüfstand gestellt, und manchmal auch ohne Prüfung verworfen.

Politisch sichtbar wurde dies mit dem Auftauchen der Grünen, die Bündnisse in Frage stellten, die Eltern, sprich die westlichen Alliierten, nicht mehr als Beschützer empfanden, sondern meinten von ihnen gegängelt und bevormundet zu werden. Erste Abnabelungserscheinungen, weniger aus ökologischen Überzeugungen hervorgegangen, sondern mehr als Protest gegen eine als überkommen wahrgenommene Werteordnung: die westliche Welt. So weit ist die Masse natürlich nicht gegangen, dennoch begann man sich auch dort vorzustellen, wie denn das Leben aussehen könnte, wenn die Eltern nichts mehr zu sagen haben. Was ist mein Platz im Leben und wer bin ich? Fragen dieser Art stellen sich nicht nur Pubertierende, doch bei denen ist sie sehr dominant.

Genau an diesem Punkt befindet sich Deutschland, die neue Bundesrepublik. Die Eltern haben nichts mehr zu sagen, man nimmt Rücksicht, allerdings werden deren Ansichten und Wertungen immer mehr hinterfragt, nicht selten abgelehnt. Doch wie bei fast allen Pubertierenden, ist man sich klar was man nicht will, allerdings nicht, was man selbst eigentlich sein möchte. Soll Deutschland schon eine offene Führungsrolle in Europa einnehmen? Ist das Verhältnis zum Nachbarn Frankreich wirklich so viel bedeutender als das zu Polen oder Tschechien?

Deutschland sucht seine Rolle in Europa und in der Welt, kann diese allerdings noch nicht finden, weil es sich über sich selbst noch nicht im klaren ist. Genau wie der Pubertierende. Welches Bild haben wir von uns. Solange wir noch klein und unmündig waren, konnten wir uns über die Familien denen wir angehören definieren. Doch mit denen wollen wir uns nicht mehr identifizieren, sondern uns abgrenzen, ohne uns allerdings so richtig vorstellen zu können, was eigentlich die eigene Identität ist.

Die Wiederkehr des Wortes »Patriot« in der politischen Landschaft, und nicht nur dort, dokumentiert diese Suche nach eigener Identität. Dass diese Suche noch zu keinem Ergebnis geführt hat, sieht man daran, dass sich die Selbstbeschreibung darin erschöpft, zu erklären, was man nicht will. Auch das ist pubertäres Verhalten, was kein Vorwurf ist, sondern nur die Feststellung eines Entwicklungsstandes.

Wenn man nun hier meint, dies betrifft doch nur diese neuen Bewegungen wie AfD oder Pegida, nur die würden mit einer Beschreibung der eigenen Identität kämpfen, alle anderen sind doch längst erwachsen, dann täuscht dies. Die andern haben vielleicht Probleme damit sich selbst als Patriot zu bezeichnen, können aber dennoch genauso wenig erklären, welche Rolle Deutschland in Europa oder der Welt einnehmen soll. Weil sie eben die Fragen nach der eigenen Identität entweder nicht gestellt haben, oder aber die einfachen Erklärungen der Nachkriegszeit für ausreichend empfunden haben.

Deutschland wird aus seiner Pubertät heraus wachsen und sich weiter entwickeln. Und so wie die meisten Jugendlichen ihren Platz im Leben finden, und später auch die Frage nach dem eigenen ich beantworten können, so wird das auch mit den Deutschen geschehen. Die Veränderungen geschehen schleichend und für den Pubertierenden oft unbemerkt. Würde ein heutiger Kanzler noch sagen, dass er seinen französischen Kollegen, oder irgendeinen anderen, immer den Vortritt auf dem roten Teppich lässt? Wohl kaum, man ist selbstbewusster geworden.

1 Kommentar :

  1. Ein gut geschriebener, interessanter Artikel, vielen Dank. Bemerken möchte ich dazu folgendes: während es richtig und verständlich ist, dass Heranwachsende auf der Suche nach Ihrer Identität sich zunächst einmal von Ihren Eltern "abgrenzen",- entsteht echte Identität jedoch letzten Endes nur durch "identifizieren" mit dem Vorausgegangenen, der Her - und Abkunft. Das heißt nicht, dass man alles genau so tun sollte, wie die Vorfahren,- kann man ja gar nicht, - aber Identität entsteht, wie gesagt, im Verstehen und Akzeptieren des Vorausgegangenen, der Eltern und Vorfahren, nicht jedoch in einer Auf und Ablehnung. In dieser Hinsicht erscheint mir eine echte "Aufarbeitung" der Vergangenheit (der NS Zeit meine ich hier) noch kaum richtig eingesetzt zu haben. Wie es scheint, müssen wir da erst noch etwas "erwachsener" werden, um bei Ihrem Vokabular zu bleiben.

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