27. Juli 2021

Notizen im Juli 2021


Schwul war mal ein Schimpfwort, bis die Schwulen es zur Selbstbeschreibung benutzten, und wenn sie es heute sagen, tun sie es mit Stolz. „Ich bin Homosexuell“ hört man kaum noch, und wenn, wirkt es irgendwie verklemmt. Warum war eine solche Entwicklung beim Wort „Neger“ nicht möglich?



Es waren (nicht nur) dumme Leute, die dem Hexenwahn verfielen und so viele unschuldige Frauen auf den Scheiterhaufen brachten. Auch und gerade einigermaßen schlaue und intelligente verfallen dem Zeitgeist – und der war eben damals so. Heute ist ein anderer Zeitgeist. Misstraut ihm! Immer!
 
Mein Verdruss über den gegenwärtigen Zeitgeist ist so groß, dass ich mich am liebsten von der Welt zurückziehe würde, davon träume ein Einsiedler zu werden. Doch dann sehe ich meine Kinder und rapple mich wieder auf, ich muss ihnen noch beistehen.

9. Juli 2021

Die Amis im Haus

Als meine Großmutter noch lebte, es ist also schon sehr lange her, erzählte sie von amerikanischen Soldaten, die in ihrem Haus übernachteten, zum Kriegsende, also 1945. Es war so eine kleine Doppelhaushälfte in einer Siedlung, wie sie vielfach in Deutschland der Dreißiger Jahre entstanden. Viel Platz gab es da nicht. Das meiner Großeltern lag in Südwest-Sachsen, bis hierher waren die Amerikaner gekommen. Sie konnte von den Soldaten eigentlich gar nichts berichten, schloss sich in einem Zimmer mit ihren drei damals noch kleinen Kindern ein, weil sie natürlich Angst hatte. Ihr Mann, mein Opa, war in Stalingrad vermisst, sie musste also allein klar kommen.

30. Juni 2021

Notizen im Juni 2021

Dienstag 29. Juni 2021


So, nach dem diese moralisierende deutsche Fußballmannschaft endlich raus ist, kann ich mich an der EM erfreuen.
 
Sie gingen auf die Knie und trugen dabei ihre mit Regenbogenfarben geschmückte Nase ganz hoch. Nun liegen sie auf ihrer Nase und die Schadenfreude ist groß. Hochmut kommt vor dem Fall, liebe Mannschaft, und ich lache über euch.
 
Es war nicht Demut, was die Mannschaft dazu veranlasste auf die Knie zu gehen, sondern eine Form des Hochmuts, mit dem sie sich als die besseren Menschen darstellen wollten. Aber das ist nicht nur im Fußball so.



Bei einer Autoimmunerkrankung gehen Abwehrkräfte auf die eigenen lebenswichtigen Organe los. Ähnliches kann auch in Gesellschaften passieren und zeigt sich in selbstzerstörerischen Phänomenen. Beim Klimaschutz etwa.



Das eigene Zeitalter zu erhöhen, ihm Wichtigkeit und Besonderheit zu geben, scheint eine Konstante in Gesellschaften zu sein. Wenn aber nichts besonders Bedeutendes geschieht, wird Unwichtiges aufgeblasen und wichtig gemacht. Das Wetter etwa oder eine Grippe.

30. Mai 2021

Notizen im Mai 2021

Samstag 30. Mai 2021


Die Sehnsucht ist in mir lebendig, Abstand zur Politik zu bekommen, sie als notwendiges Übel zu betrachten, ihr aber keinen breiten Raum zu geben. Dann sehe ich die Masken, soll mich oder die Kinder testen, gar impfen lassen und so einiges mehr. Die Sehnsucht, von der Politik Abstand zu bekommen, wird schnell von der Wut auf sie verdrängt.
 
Um ehrlich zu sein, habe ich die Beschäftigung mit der Politik immer als unter meiner Würde angesehen, doch so oft sah ich mich dennoch gezwungen, mich mit ihr auseinanderzusetzen, weil sie, die Politik, nach meiner Würde und meiner Freiheit griff. Es ist also nur Selbstverteidigung, wenn ich mich mit Politik beschäftige.

1. Mai 2021

Der 1. Mai und die Tribünen

Mir wurde das Interesse am Feiertag „1. Mai“ in der DDR gründlich ausgetrieben, musste als Schüler mit der Klasse, der ganzen Schule, dann immer demonstrieren gehen. Doch das waren keine Demonstrationen, sondern Aufmärsche, und ich wurde gezwungen mitzumarschieren.

Zu Beginn, kurz bevor der Marsch durch die Stadt startete, wurden Plakate verteilt, irgendwelche dämliche Sprüche standen drauf. Die sollten wir ganz besonders gerade halten, wenn wir dann an der Tribüne vorbeigingen, um die Parteibonzen zu huldigen, die gnädig von oben herunterwinkten.

29. April 2021

Notizen im April 2021

Donnerstag 29. April 2021


Das Streben nach Gleichheit und Gerechtigkeit ist eine starke evolutionäre Kraft. Doch da dieses Streben immer auch neue Ungerechtigkeiten erzeugt, müssen die Ideale unerreichbar bleiben und können bestenfalls in eine Balance zur Lebenswirklichkeit gebracht werden. Das hehre Ziel bleibt immer Utopie.



Wer heutzutage glücklich sein möchte, muss Fatalist sein, ans Schicksal glauben. Er braucht sich über die Sinnhaftigkeit dessen, was geschieht, keine übermäßige Gedanken machen.



Was soll ich von einer Gesellschaft halten, die Kinder einsperrt, um Alte zu schützen?



Die sogenannten Coronaschutz-Maßnahmen oder -Verordnungen sind, ihrem Charakter nach, keine Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung, sondern Züchtigungen.

6. April 2021

Die Gemütlichkeit des Mainstream

Meine letzten Jahre in der DDR, bis zur Ausreise 1983, waren geprägt von einer weitestgehenden Verachtung meiner Mitmenschen für ihren Opportunismus und ihr Mitläufertum. Ein paar Freunde, die sich dem widersetzen, waren der einzige Lichtblick. Dafür bin ich viel gescholten worden, teils zu Recht; ich war ein junger Kerl damals und die Differenzierung ist keine Stärke dieses Alters. Dennoch halte ich an diesem Bild fest, bis heute, habe nur etwas mehr Verständnis für die Opportunisten, für die damals wie für die heute. So klar es mir in diesen Jahren war, so offensichtlich sind diese Mechanismen der Anpassung auch heute noch wirksam.

1. April 2021

Notizen im März 2021

Der Söder als Kanzler würde für Kontinuität im Bundeskanzleramt stehen, auch ihm glaube ich kein Wort. Das gilt auch für den Laschet und alle weiteren Kandidaten die derzeit diskutiert werden.


Warum sollte ich Wert darauf legen verstanden zu werden? Das schafft niemand, nicht mal ich selbst. Trotzdem erkläre ich mich manchmal; dies ist aber nie als unumstößliche Erkenntnis zu deuten, sondern immer nur ein Etappenziel auf dem Weg der Selbstsuche. Das (für mich) Interessante bei dieser Betrachtung ist auch, die eigene Veränderung zu beobachten. Mit jeder Beobachtung verändert sich das Bewusstsein und damit auch der Beobachter selbst. Er ist dann nicht mehr der Gleiche wie vorher. Oder wie es Biermann mal sagte: „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.“ (aus dem Gedächtnis)


1. März 2021

Notizen im Februar 2021

Die überbordende Regulierungswut, nicht nur wegen Corona, löst in mir so langsam eine Allergie gegen alle Regeln aus. Immer schwerer fällt es mir, mich im Alltag anzupassen. Selbst gewöhnliche Dinge, die früher quasi automatisch geschahen, kosten mich heute Überwindung.


Ich muss mich noch bei einigen Autofahrern bedanken, die mich vorgestern mittels Lichthupe vor zwei mobilen Blitzern gewarnt haben. Das hat mir mindestens 100 Euro Bußgeld erspart. Gerne würde ich die netten Leute auf ein Bier einladen, aber ich kenne sie nicht. Also an Unbekannt: Danke!


Wer in den Kampf zieht, will siegen, hat eine Idee, wie er den Sieg erreichen kann. Beim Kampf gegen Klimawandel oder Corona, so hat es den Eindruck, erlebt die Idee der „verbrannten Erde“ ihre Wiederauferstehung. Es wird alles zerstört, was dem Gegner von Nutzen sein könnte.

31. Januar 2021

Notizen im Januar 2021

Mikronesien, Polynesien, mein Blick kommt von der Weltkarte nicht los, diese Weite, diese Sehnsucht danach alles hiesige zu vergessen und nur noch neugierig darauf zu sein, was sich hinter dem Horizont verbirgt. Ich will nicht aufhören zu träumen und in die Realität des Lockdowns treten.


Nur was ich anfassen kann, dran riechen, mit mehreren Sinnen spüren, ist für mich real und kann deshalb mit Kryptowährungen, Cybersex oder was da sonst noch für digitale Illusionen ins Netz gesetzt werden, nicht viel anfangen. Ich traue dem Digitalen generell nicht übern Weg.


Wer sich großen Zielen verschrieben hat, blickt immer in die Ferne und ignoriert was vor ihm auf dem Weg liegt. Stolpert er dann oder fällt gar auf die Nase, dann verflucht er die Nähe, die ihn direkt umgibt, weil sie offensichtlich seine Visionen nicht teilt.


11. Januar 2021

Ethan und die Gedankenfreiheit

Dieser Text erschien 2011 im Science-Skeptical-Blog unter dem Titel „Ethan und der Bürgerdialog“. Damals fiel mir auf, wie, mit undemokratischen Mitteln, in einem Bürgerdialog über die Energieversorgung des Landes versucht wurde, abweichende Meinungen und Einwände heraus zu zensieren. Wer also glaubt, die heutigen Löschorgien von unliebsamen Äußerungen oder Accounts, wie sie nun bei Facebook oder Twitter geschehen, hätte vorwiegend mit Trump zu tun, der täuscht sich.

Da der Science-Skeptical-Blog nicht mehr zu existieren scheint, hier noch mal der Text von damals im Original. Ich bin überzeugt, die Parallelen zu den heutigen Vorgängen in den Medien sind nicht zu übersehen, was den Verdacht nährt, dass sich nichts ändert, nichts geändert hat, dort wo zensiert wird, ist Intoleranz und Totalitarismus zu Hause. Die Zensur ist eine Signatur des Totalitarismus.