November 18, 2015

Die Akute

Die Akute ist sehr kurzsichtig, alles was weiter als zwei Meter von ihr entfernt ist, nimmt sie nur schemenhaft war. Ihr Blick ist immer konzentriert auf den nächsten Schritt welchen sie zu tun hat, nur diesen Bereich kann sie überblicken. Sie kennt den Weg nicht, den sie bisher begangen ist, da sie nur immer kleine Teile davon Stück für Stück gesehen hat, nicht aber was darum herum ist. Keine Markierungspunkte, keine Bäume, keine Berge, Häuser oder Seen. Zwar kann sie riechen und hören, doch dem was sie da vernimmt, was sich da andeutet, dem schenkt sie keine große Beachtung. Ihr Fokus, worauf sich ihre Augen richten, das, und nur das, ist das wirklich wichtige. In der Ferne mögen Dinge geschehen die irgendwann auch einmal ihren Weg kreuzen werden, die Gerüche und die Geräusche deuten dies an, doch darum wird sie sich dann kümmern, wenn es in ihr Blickfeld gerät.

In ihren Träumen sieht sie sich im Scheinwerferlicht, hell erleuchtet auf der Bühne eines Theaters. Nur sie, niemand sonst. Sie weiß, dass sie jetzt die wichtigste Frau ist, alle Augen sind auf sie gerichtet. Um sie herum ist alles finster, sie kann es nicht sehen. Nicht wie sie auf die Bühne gekommen ist, auch nicht wie sie wieder herunter kommt. Das Publikum spürt sie, und so lange es still ist, ist alles in Ordnung.

Kommt dann der Applaus, so gerät die Akute in Panik, sie weiß, nun ist es vorbei, nun muss sie wieder laufen, doch wohin? Jetzt braucht sie Hilfe und wird von der Bühne geführt, von allein hätte sie den Ausgang nie gefunden, sie sieht ja immer nur das, was unmittelbar vor ihr ist, welches der nächste Schritt in ihrem Blickwinkel ist.

Böse Zungen behaupten, die Akute hätte keinen Kompass, wüsste nie in welche Richtung sie sich bewegt. Das stimmt zwar, ist ihr aber egal, sie sieht eben nur das, was in ihrer unmittelbaren Nähe ist. Doch wenn sich da etwas befindet, dann wird es aufgehoben und sofort verarbeitet. Sie ist überzeugt, es gut und richtig zu machen, und vor allem schnell und sofort. Wie im Traum befindet sie sich jetzt, auf der Bühne, im Scheinwerferlicht. Schnell ein paar Kernkraftwerke abgeschaltet, oder die Grenzen für Flüchtlinge geöffnet, die Scheinwerfer und die Bühne sind ihr sicher. Nun ist sie mit sich im Reinen, das Publikum ist auch noch still.

Die Akute lebt im Moment, räumlich wie zeitlich. Und deutet sich wie fernes Donnergrollen ein Unheil an, so interessiert es sie nicht. Dann wenn das Problem direkt vor ihren Füßen liegt, dann wird sie es beseitigen. So hat sie es immer getan, und so war es immer gut. Nur was akut ist, ist wahr.
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