März 18, 2016

Der Effiziente

Der Effiziente hat klare Vorstellungen davon was er will, oder haben möchte. Immer wägt er Nutzen und Aufwand gegeneinander auf, bevor einen Entschluss fasst. In Exel-Tabellen ist er zu Hause, entwickelt Parameter für dies und jenes. Seine Beratungsfirma kann sich über mangelnde Aufträge nicht beschweren.

Ursprünglich wollte er Architekt werden, schnell brach er das Studium ab, zu viel Brimborium und Drumherum um die eigentliche Aufgabe, nämlich Gebäude zu planen die einen optimierten Lebensablauf ermöglichen. Am schlimmsten sind die Landschaftsarchitekten und die Stadtplaner, es sind keine Architekten mehr, sondern Soziologen oder Historiker oder Künstler und stehen somit optimierten Handlungsabläufen nur im Weg. Lediglich die Bauhausleute können noch mit etwas Verständnis rechnen, aber die gibts ja nicht mehr, nur einen Abklatsch davon. Was mal als loslassen von überkommener Tradition gedacht war, wurde nun selbst eine.

Überhaupt, die Traditionen. Alles nur eingeschiffene Verhaltensweisen die der Effektivität im Wege stehen. Ist das Ziel definiert, gilt nur der kürzeste Weg dahin. So was lässt sich messen und dann in Zahlen ausdrücken. Musik, Kunst und Literatur haben für ihn nur einen Zweck, Menschen in eine Stimmung zu versetzen, in der sie eine gewisse Lockerheit gewinnen um den Weg zum Ziel nicht als Last zu empfinden. Immer aber bleibt das Ziel im Auge, alles was vom kürzesten Weg dahin ablenken könnte, wird von vorn herein verworfen.

Selbst der Glauben ist seinem Effizienzstreben untergeordnet. Nicht dass er besonders religiös wäre, wie alles, so prüft er auch hier, wie Religiosität zur Effizienzsteigerung nützlich sein könnte. Obwohl ihm sonst Traditionen ein Graus sind, begann er in der Geschichte seiner Familie zu forschen. Deren Vorfahren sollen aus Ulm stammen, so jedenfalls sagte es seine Großmutter mal. Wenn das stimmt, dann hätte er eine Erklärung für seine Abneigung der Schnörkel, der Dekoration, bestimmt waren seine Vorfahren am Bildersturm 1531 beteiligt. Ob es stimmt? Er weiß es nicht, konnte es nicht heraus bekommen, aber es erscheint ihm logisch. Auch bei der Erklärung seines Selbst nimmt der Effiziente die kurzen direkten Wege.

Kürzlich ließ er in der S-Bahn sein Smartphone liegen, hatte den Zug schon verlassen, als ihm eine junge Frau hinterher lief und laut „Hallo, Hallo, Ihr Handy“ rief. Ein Blick in seine Tasche: Shit, stimmt! Lächelnd übergibt die junge Frau das Smartphone dem Effizienten. Die Türen des Zuges schlossen sich und er fuhr ab. Beide standen nun allein auf dem Bahnsteig, alle anderen Passagiere hatten es eilig und drängelten sich bereits an der Rolltreppe. Die junge Frau hatte es offensichtlich nicht eilig, schien glücklich jemanden geholfen zu haben.

Sofort erfasste der Effiziente die Situation, sie hatte den Zug wegen ihm verlassen, nun musste sie auf die nächste Bahn warten. Zwanzig Minuten. Es überkam ihn das Gefühl einer moralischen Verpflichtung in dieser Wartezeit der jungen Frau Gesellschaft zu leisten. Schnell zimmerte er sich eine Rechtfertigung zurecht, die es ihm ermöglicht diese zwanzig Minuten in seine Zeiteffizienzplanung zu integrieren. Wäre das Smartphone weg gewesen, wäre nicht nur eine Stange Geld futsch, sondern auch viel Zeit. Ein neues kaufen, dies einrichten, nach Daten suchen, und so weiter. Selbst wenn es jemand im Fundbüro abgeben hätte, wäre der Zeitaufwand um es wieder in Besitz zu nehmen, ein viel größerer, als die paar Minuten die er nun auf dem Bahnsteig zu verbringen gedachte.

Er kann nichts dafür, solche Überlegungen geschehen beim Effizienten quasi automatisch, es ist seine Natur immer Aufwand und Nutzen abzuwägen. Wenngleich diese Rechnung im vorliegenden Fall natürlich nicht stimmt, er hatte das Handy ja schon, bräuchte die zwanzig Minuten eigentlich gar nicht zu investieren. Verdammte Moral, wo die auf einmal her kam konnte er sich nicht erklären und versuchte nur an seine Effizienzrechnung zu denken.

Zwanzig Minuten ohne Ziel und Sinn, der Effiziente fühlte sich hilflos, irgendwie musste er diese Zeit überbrücken. Doch wie geht das ohne ein Ziel zu haben nach dem hin gestrebt werden kann. „Vielen vielen Dank“ hörte er sich sprechen um in einer Geste der Verlegenheit sich vorzustellen: „Vielen Dank, mein Name ist Hansjörg Effizient“. „Bitte, bitte, gern geschehen“ antworte die junge Frau, „ich bin die Stephanie“. Seine Irritation wuchs: Sie ist »die« Stephanie? So als ob es keine weiteren Personen mit diesem Namen geben würde. „Sie ist,“ es ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Wie kann jemand einfach nur sein, genügt ihr das?

Zu Hause angekommen, war der Effiziente immer noch durcheinander. Er hatte Stephanie zu einem Abend beim Italiener eingeladen. Freilich faszinierte ihn diese Frau, es ist schon gefühlte Ewigkeiten her, dass ihn jemand so durcheinander brachte. Doch Stück für Stück kehrte sein rationales Denken zurück, er begann den Samstagabend zu planen. Was ist Ziel des Abends: Sex! Der Ausgangspunkt ist Kennenlernen im Restaurant. Dieses hatte er natürlich mit Bedacht ausgewählt, es schien ihm am ehesten geeignet eine Frau in romantische Gefühle zu versetzen, wodurch das Ziel viel früher erreicht werden kann. Er nannte es seinen Adriano-Celentano-Index, ein Song von diesem Sänger in der richtigen Umgebung gespielt, verringert den Zeitaufwand bis zum Ziel, also bis zum Sex, um gut eine Stunde. Zeitinvestition rund fünf Minuten, Zeitertrag sechzig Minuten.

Dann kam alles ganz anders, beim Italiener schon spürte er, er hatte sich verliebt. Sämtliche Planung wurde hinfällig, nur der Augenblick zählte. Sie ließen sich durch die Nacht treiben, waren noch in Clubs, tanzten und blödelten herum. Ein paar Tage später zog Stephanie zu ihm, versuchsweise. Der Effiziente lebt nun in einer neuen Welt, der des Augenblicks. So wie er in jener Nach sein Ziel aus den Augen verlor, nimmt er nun auch die vielen Kleinigkeiten des täglichen Lebens war, schweift ab und mäandert durch den Tag. Seine Ziele sind bedeutungslos geworden. Er stellt sich vor, sollten sie heiraten, er würde seinen Namen aufgeben.
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