Mai 11, 2017

Warum Leitkultur?

Außerdem versuchten sie zu sprechen, zu diskutieren, was es denn nun eigentlich heißt: „Deutsch sein.“ Es wurde mehr ein Stammeln, in dieser Phönix-Runde. Keiner, auch Roland Tichy nicht, hatte eine Antwort. Hier und da wurde ein Aspekt beleuchtet, Bildausschnitte ergaben sich, die wie Puzzleteile wirkten, doch kein Gesamtbild erahnen ließen. Es lag nicht an den Diskutanten, sie gaben sich Mühe, freilich ein jeder mit seinem Wunschbild im Kopf. Es lag an der Unmöglichkeit diese Frage zu beantworten. Zumindest in einer für jeden gültigen Beschreibung.

Eingereiht wird diese Sendung in die gegenwärtige Debatte um die Leitkultur, den Begriff hatte der Innenminister de Maiziere aufgegriffen; aber in dieser Debatte wird es ja noch konfuser, wenn schon nicht klar ist, was eigentlich richtig »deutsch sein« bedeutet, dies dann auch noch mit die Kultur zu verknüpfen, die ja ebenfalls Raum für unendliche Interpretationen lässt, vollendet das gedankliche Chaos. Jeder kann nun nach Gutdünken seine Zutaten in den Topf schmeißen, am Ende haben wir einen ungenießbaren Eintopf. Nur eines war schnell klar, der sogenannte Verfassungspatriotismus taugt am wenigsten dazu, zu erklären, was Deutsch ist, oder Leitkultur.

Ich werde einen Teufel tun, und nun noch meine Interpretation von »deutsch sein« dazugeben. Erstens ist mir das sowenig klar wie den Diskutanten der Sendung, zweitens empfinde ich mich nicht als typisch deutsch (Schöner Widerspruch nicht? Ich weiß nicht was deutsch ist, aber ich bin nicht typisch deutsch!). Zusätzlich wurde dies meiner Frau auf den Philippinen bescheinigt, in dem ihr Landsleute sagten: „Dein Mann ist gar nicht so wie die meisten Deutschen.“ Ich gebe da nicht viel drauf, wahrscheinlich lässt auch das sich über Jeden sagen, kommt bloß darauf an, wie, wann und wo.

Wie soll also nun eine Debatte geführt werden, wenn die Begrifflichkeiten so derartig schwammig oder undeutlich sind? Gar nicht, würde ich vorschlagen. Es geht auch nicht um Leitkultur oder »deutsch sein«, das ist Wahlkampfgedöns, de Maizière wollte halt mal den Merz, besser den Koch, machen, deren hemdsärmlige Äußerungen, heute würde man populistische sagen, waren ja mal ganz erfolgreich. Außerdem muss irgendwie der AfD das Wasser abgegraben werden. Weitere Ausführungen, warum diese Debatte eröffnet wurde, sind sicher notwendig, vor allem um aufzudröseln, was davon Wahlkampftaktik ist und was Überzeugungen. Ich verkneife es mir aber an dieser Stelle, schließlich soll dieser Text hier kein Buch füllen.

„Macht euch mal keine Angst,“ will der Innenminister wohl sagen, „wir verstehen eure Sorgen schon.“ Nur, tut er das wirklich? Haben die Menschen wirklich Angst um Deutschland und seine Kultur? Sind es diese Sorgen die die Menschen umtreiben? Nein, sicher nicht, wenn die Begrifflichkeiten schon so schwammig und unklar sind, können sie nur stellvertretend stehen. In Wirklichkeit geht es um Heimat, das Zuhause und um Identität. Diese drei Begriffe lassen sich zwar auch nicht verallgemeinern, jeder empfindet sie ganz unterschiedlich, aber sie sind glasklar für den Einzelnen. Er will sein wie er ist, an einem Platz leben wo er sich dazugehörig empfindet. Heimat und Zuhause geben ihm die Sicherheit für die Zukunft zu planen, für sich und die Kinder, und der Blick in die Vergangenheit der Heimat, hilft ihm seine Identität zu verstehen. Diese eigentlich simple Betrachtung hilft sogar, wenn das Zuhause nicht in der Heimat ist, sie muss nur ein wenig ans Individuum angepasst werden.

Alle weiteren Begriffe, wie Nation oder Nationalität, Verfassungs- oder sonstiger Patriotismus, sowie die Kultur, bauen erst auf der Selbstbetrachtung des Individuums in seiner Umwelt auf, in seiner Heimat oder seinem Zuhause. Zumindest bei Individualisten, die die zum Kollektivismus neigen, mögen ihre Heimat (teils) in den jeweiligen Ideologien gefunden haben. Das ist kein Widerspruch, es gibt eben eine materielle oder physikalische Heimat, und eine ideelle oder imaginäre. Wichtig ist nur der identitätserklärende Charakter. Auch schön am Ausspruch der Kanzlerin zu sehen, als sie sagte: „dann ist das nicht mehr meine Heimat!“ Und dabei von ihrer imaginären Heimat sprach.

Geht die Rede von der Leitkultur darauf ein? Eher nicht, und wenn dann nur partiell auf die kollektivistischen Aspekte, oder die ideologischen - siehe Kanzlerin. Das Individuum wird nur zur Illustration gebraucht um ein Bild von der Ideologie, welche angestrebt wird, entstehen zu lassen. Doch welche Bilder entstehen beim Begriff Leitkultur: es sind die der Heimat, nicht welche von einer Ideologie. Aber wenn schon diese Bilder quasi automatisch entstehen, warum wird dann der Begriff Heimat so selten erwähnt. Es erinnert an eine Verklemmtheit die sonst eher beim Thema Sexualität zu finden ist. Was soll in der Beschreibung der Heimat denn anstößig sein?

Wir sollten uns das ganze Gedöns sparen, versuchen zu erklären was »deutsch sein« bedeutet, oder (Verfassungs)Patriotismus, oder gar Leitkultur, und besser damit beginnen, einen gemeinsamen Nenner für den Begriff Heimat finden, denn sie ist der Boden für unsere Verwurzelung, und somit für unsere Identität maßgeblich. Wer den Begriff Heimat verschämt vermeidet, hat sie im Grunde schon aufgegeben. Sich selbst damit auch. Oder er weiß welche Gefühle und Gedanken entstehen, nämlich solche die eng mit der Identität des Individuums zu tun haben, und meidet deshalb den Begriff und verwendet lieber so was wie »Leitkultur«. Nebenbei kann damit in pädagogisierender Weise gearbeitet, der Topf mit Inhalten gefüllt werden, die gerade opportun erscheinen. Hauptsache weg vom Individuum und seinen Empfindungen und Bedürfnissen und den Blick auf die Kollektive gerichtet.

Weiteres zum Thema:
Die Heimatfremdlerin
Über die Heimat

1 Kommentar :

  1. Lieber Herr Quencher, dieser Artikel ist - auch und gerade in seiner Kürze - das beste, was ich bisher zum Thema gelesen habe. Sie haben nämlich das Subjektive einbezogen. Und auf einmal ist zu erkennen, daß das Objektive, das was uns umgibt - seien es Bäume, Gebäude, Wiesen, Landschaften, Händedrücke oder Menschen - für jeden Einzelnen lediglich die Bühne ist für sein inneres, subjektives Erleben und Fühlen. Und dort ist der tatsächliche Ort seiner Heimat.
    Vielen Dank!
    Christoph Nahrgang, uhrzb005@t-online.de

    PS: Ich wollte diesen Kommentar auf AchGut schreiben, aber dort konnte ich bei Ihrem Artikel keinen Text eingeben. (Bei anderen wäre es gegangen, aber zu denen wollte ich ja nix schreiben)

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