18. Januar 2019

Schnipsel 2019, Erste Sammlung

Was bei der Debatte um CRISPR/Cas oft vergessen wird, die wesentliche Form der Manipulierung des Menschen durch Menschen wird die Erziehung bleiben. Der Mensch, so wie er ist, in seiner Komplexität, wird von seiner Umwelt geschaffen. Erziehung ist dabei der wichtigste Punkt, sie verändert, ja sie schafft den Menschen, wie er dann ist und wie er sich selbst wahr nimmt. In dieser Tiefe wird das nie irgendeine Genbearbeitungstechnologie schaffen. Die eigentlich gefährliche Menschenmacherei geschieht durch Pädagogik.



1983, Stuttgart Schlossplatz. Eine Riesendemo gegen den Nato-Doppelbeschuß. Ein Freund schleifte mich hin, es wurde eine prägende Erfahrung. Dort wo ich stand, konnten die Redner kaum verstanden werden. Trotzdem jubelten und klatschen die Demonstranten. Es genügte völlig, dass ein Redner am Mikro war, der irgendwas zu sagen hatte und schon war ihm der Beifall und die Zustimmung derer, die sich da versammelt hatten, gewiss. Angeekelt wand ich mich ab, es ging nicht ums Gesagte, die Masse wollte nur recht haben. Die Masse wollte Macht demonstrieren, es kam nicht darauf an, welche Argumente dazu benutzt wurden. Es war offensichtlich völlig egal, was gesagt wurde, Hauptsache es kam aus dem Munde von jemanden, der dazu gehörte.



Erst wenn die Niederlage nicht mehr zu verhindern ist, erst wenn die Lüge aufgeflogen ist, werden sie reuig. Erst dann, wenn sie merken, dass etwas ihrer Sache mehr schadet, als nützt, trennen sie sich davon. Heuchelei pur beim Spiegel im Fall Relotius, sie zeigt nur an, dass sich diese Schreiberlinge im Kampf befinden, in einer Freund-Feind-Konstellation. Der Freund mag gefehlt haben, doch die Sache, für die er steht, darf nicht diskreditiert werden.



Da ich den Realismus sowieso für eine Illusion halte, aufgrund der prinzipiell komplexen Eindrücke die aufs Individuum einwirken und die nur durch Selektion zu einem Bild verdichtet werden können, bin ich auch nicht wegen Spiegel-Fake-News empört. Außerdem wurde doch nur partiell zugegeben, was schon lange offensichtlich ist.



Das Narrativ ist die Gleitcreme für die Information oder Desinformation. Der Medienkonsument soll mit einer Meinung penetriert werden und falls er noch nicht zur Aufnahme bereit ist, braut es eben ein Gleitmittel.



Die EU entwickelt sich immer mehr zu einem ›Gordischen Knoten‹, jeder Versuch der EU ein reales, meist ein imaginäres Problem zu lösen, verschlimmert die Situation nur noch, bis in nicht mehr ferner Zeit, nur die Zerschlagung als Lösung übrig bleibt.



„Er sagte, er hätte Überstunden gemacht. Sie ahnte wohl, dass es nicht stimmt, aber wollte nicht nachfragen, zu groß war ihre Angst, die Beziehung könnte zerbrechen daran. Und erst diese anderen Schlampen, die sie vor ihm warnten, ihr Grinsen könnte sie nicht ertragen.“

Diese Angst vor der Wahrheit, mehr noch vor der Häme der anderen, verhindert, dass Menschen so ungern die Wohlfühlblase ihrer Illusionen verlassen. Dies ist nicht nur in partnerschaftlichen Beziehungen so.



„Der Balkan ist mir nicht die gesunden Knochen eines einzigen pommerschen Grenadiers wert.“ (Otto Fürst von Bismarck auf der Berliner Balkan-Konferenz, 1878)

Donald Trump scheint, was den arabisch/islamischen Raum betrifft, zu einem ähnlichen Schluss gekommen zu sein. Respekt!



Der Relotius hat jede Menge Preise für seine FakeNews bekommen. Na und, das ist nicht von Bedeutung, viel wichtiger ist, seine Geschichten wurden vom Leser gekauft. Im wahrsten Sinne des Wortes. Es war ein Markt dafür vorhanden, der die Geschichten bereitwillig aufnahm. Jede Zeit hat ihren eigenen Boden für Erzählungen dieser Art, sie keimen dort aus, wo der Boden und das Klima dafür geeignet ist. Der Spiegel ist keine subventionierte Firma, die wollen und müssen Geld verdienen. Freilich haben die eine Agenda, der wichtigere Punkt ist, dass ein Markt dafür vorhanden ist, eine Art Klima also, in dem Mythen entstehen können. Insofern bin ich skeptisch, dass sich durch den Fall Relotius irgendwas verändert, der Mythos, der eine Matrix des Weltbildes ist, bleibt bestehen. „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch!“ dieses Brecht-Zitat möchte ich hier einwerfen, aber den Blick darauf richten, von welchem Schoß wir hier reden. Und der ist nicht in der Propaganda zu suchen, die ist nebensächlich, sondern im Selbstbild der Deutschen.



Misstraue jedem Pathos! Es sei denn, du kannst ihn nutzen, um eigene Interessen durchzusetzen. Nur das ist seine Natur und Aufgabe.



Nein, ich kann anderen keine Ratschläge geben, wie die Welt zu sehen ist, wie sie die Dinge betrachten sollen. Ich kann nur von mir berichten, wie ich auf die Welt blicke, berichten davon, was ich sehe. Alles darüber hinaus wäre Hybris.



Warum soll ich anderen glauben, wenn sie berichten, was sie sehen, was sie denken. Sie haben andere Augen als ich, einen anderen Kopf, andere Nasen, andere Ohren. Eigentlich erzählen sie mir, die mir berichten, nur von sich – und das ist meist spannend genug.



Ende 1932 hatte die NSDAP 1,2 Mio. Mitglieder, Ende 1933 waren es 3,9 Millionen. Oh, wie die, wie ich den ›Mitläufer‹ verachte. Es ist eine Illusion anzunehmen, die Menschen heute wären im Prinzip anders.



Mag sein, dass ich falsche Wege gegangen bin, ins Dornengestrüpp geriet oder in wilde Wasser. Freilich hätte ich es einfacher haben können, wäre ich denen gefolgt, die mir von meinen Wegen abrieten.



Die Diskursunfähigkeit der Grünen liegt im Wesentlichen daran, dass deren Grundüberzeugungen totalitärer Natur sind. Der Ökologismus, wie auch die meisten anderen Ideologien die bei den Grünen vorherrschend sind, verlangt, dass sich alle Menschen nach diesen Geboten richten. Es gibt da keinen Spielraum für Pluralität.

Mir kann es völlig egal sein, ob mein Nachbar nach ökologistischen Grundsätzen lebt. Doch da er die Welt damit retten will, darf ihm nicht egal sein, wie ich lebe, da mein Handeln sein Ziel unmöglich macht. Ich kann ihn und sein Leben akzeptieren, er meines nicht.



Ich musste mich mit Argumenten gegen die »Vermenschlichung« von Tieren ausstatten, schon um meinen Töchtern Paroli bieten zu können.



Im Bildungsbürgertum hat das ›Gefühlige‹ die Oberhand über dem ›Analytischen‹ bekommen.



Ich war 20, der belesene Freund fast 50, als er mir offenbarte, dass er keine Romane oder sonstige Literatur mehr vertrage, nur noch Biografien, bevorzugt Autobiografien. Nun bin älter als er damals und erst jetzt verstehe ich ihn.



Wenn sich mehrheitlich eine ›europäische Identität‹ durchsetzen sollte, eine, welche die bisherigen nationalen Identitäten ersetzt, so wäre dann der ›Europäer‹ letztlich nur wieder ein Nationalist, dessen Nationalismus dann auch wieder überwunden werden müsste.



Es macht mir nichts aus belogen zu werden. Ich erwarte von Menschen nichts anderes, es ist ihre Natur in jeder Kommunikation. Selbst wenn sie sich bemühen, nicht zu lügen, so tun sie es doch automatisch. Doch wenn ich den Menschen verstanden habe, den mit dem ich kommuniziere, so kann ich seine Lügen herausfiltern. Das heißt, zuerst muss ich den Menschen erkennen, der zu mir spricht, erst dann werde ich die Nachricht verstehen.



Als der Sohn (18) seiner Mutter, also meiner Frau, zum Geburtstag Schmuck schenkte (Ohrringe), da flippte sie geradezu vor Freude aus. Würde ich ihr die ganze Welt zu Füßen legen, sie wäre nicht so erfreut.



Kann ich mich in der Welt – so wie sie erkenne – einfach einrichten? Manchmal wünsche ich mir, ich könnte das.



Es ist falsch immer von Hass als Grund für Gewalt zu sprechen, denn Hass befällt in den unterschiedlichsten Lebenslagen fast jedem einmal. Selbstbeherrschung und Moral wirkt dann dagegen. Die Gewalt kommt von einer Ideologie, die eine höhere Moral für sich in Anspruch nimmt.



Mir wäre es lieber, ich hätte meine Haare verloren und dafür die Zähne behalten.




Kommentare :
Carla Bruni hat gesagt…

Sehr schöne Schnipsel. Ich lese gerne regelmäßig darin... und finde Inspiration, Unbekanntes, Gegenthesen zu meinen und oft Bestätigung.
Ich lese hier gerne.

Anonym hat gesagt…

"Wenn sich mehrheitlich eine ›europäische Identität‹ durchsetzen sollte ..."
Würde sich eine "Weltidentität" für alle Menschen durchsetzen, würde sich die wieder in verschiedene Einzelidentitäten, Völker genannt, aufsplitten.
Es gibt keinen endgültigen Zustand.
Alles was es gibt, sind einzelne Interessen.
Als die Römer kurzzeitig Germanien beherrschten, gab es welche, die meinten, im Römischen Reich ginge es ihnen besser. Andere dachten anders. Wer hatte Recht?
Als sich in der damaligen jüdischen Elite die hellenistische Kultur durchzusetzen begann, gab es Juden, die wollten das nicht. Und sie machten den Makkabäeraufstand. Hätte es den nicht gegeben, gäbe es heute vermutlich keine Juden mehr. Sie wären als Volk einfach verschwunden wie viele andere Völker. Was ist besser?
Im heutigen Südchina gab es früher viele verschiedene Völker (keine Chinesen), die heute verschwunden sind. Gleiches wird mit den Tibetern geschehen. Ist das gut oder schlecht?