31. März 2019

Gut, Böse, Freund und Feind

Wir erleben eine Wiederkehr der Gut-Böse-Unterscheidung. Das Urteil des ›Jüngsten Gerichts‹ wird vornweg genommen. Vom Reich des Bösen wird gesprochen, mindestens gedacht. Dem Gegner wird Hinterhältigkeit unterstellt, sich selbst hehrer Motive attestiert. Hier die Guten, dort die Bösen, die eigene Moral verhüllt die Interessen, bei sich selbst, wie beim Gegner. Zu akzeptieren, dass auch der Gegner ›gute Gründe‹ für sein Tun hat, oder zumindest haben könnte, kommt den Kontrahenten nicht in den Sinn. Das Böse wäre ja dann auf einmal nicht mehr uneingeschränkt böse, das Gute nicht mehr gut.

Eine klassische Gegnerschaft, eine, die sich über Interessen beschreibt, die sagt, was sie will und ohne die moralische Gut-Böse-Überhöhung auskommt, wäre immer noch eine Freund-Feind-Konstellation, setzt aber gerade die Interessen in den Vordergrund und nicht die Moral.

Ich habe nie geglaubt, dass meine Feinde, früher bei der Stasi beispielsweise, böse Menschen sind. Sie hatten nur ganz einfach andere Interessen als ich. Meine Feinde waren sie trotzdem. Die Freund-Feind-Unterscheidung kommt ohne Hypermoral aus, verlangt aber eine Beschreibung der eigenen Motive, wie der eigenen Interessen.

So glaube ich auch heute nicht, dass meine politischen Feinde böse Menschen sind. Klar verhalten sie sich manchmal hinterhältig, arbeiten mit schmutzigen Tricks; doch das ist normal und gehört zur Natur jedes Kampfes, vor allem dann, wenn dessen Regeln nicht klar definiert sind. Außerdem verhalte ich mich genauso, schon allein die Freude, welche in mir aufkommt, wenn es mir gelungen ist, einen Gegner in einen Hinterhalt zu locken, verrät mich.

Die derzeitigen politischen Auseinandersetzungen, sei es, wenn es um die EU geht, um Klimaschutz, um Immigration oder was auch immer, gehen aber immer weiter weg von einem Kampf, der sich über Interessen beschreibt, hin zur moralischen Gut-Böse-Unterscheidung. Jeder Unterton, jede Geste – im TV sowieso – drücken Verachtung aus. Von Klimaleugnern wird gesprochen, der Brexit als ein Angriff auf das ›gute Europa‹ beschrieben und der Trump erst, der Orban, der Höcke, oh je, gar der Putin. Eine Auseinandersetzung um Interessen findet nicht statt, nein, diese werden nicht mal beschrieben, warum auch, schließlich sind die anderen die Bösen.

Das große praktische Problem an dieser Gut-Böse-Unterscheidung ist, dass der Kampf nur mit Sieg oder Niederlage enden kann, während die klassischen, von Interessen geleiteten, Freund-Feind-Konstellationen, sich hin zu Partnerschaften wandeln können. Es ist dann kein Endkampf notwendig, kein striktes schwarz oder weiß, kein richtig oder falsch.

Die Gruppierung der Menschen in Freund und Feind – Carl Schmitt beschrieb diese Unterscheidung simpel als Politik, als den äußersten Intensitätsgrad von Assoziation oder Dissoziation – mag arg konfrontativ erscheinen, dennoch ist sie human, also moralisch nicht verwerflich, da sie Auswege zulässt. Aus dem politischen Kampf muss keine Gewaltauseinandersetzung werden. Freund und Feind sind somit Bezeichnungen, mit denen sich Politik machen lässt.

Anders sieht es bei der Gut-Böse-Unterscheidung aus. Hier gibt es keine Spielräume, das Böse muss vernichtet, mindestens besiegt werden, eine Kooperation ist nicht denkbar.

Seien wir also vorsichtig im Umgang mit unseren Gegnern. Bezeichnen wir sie als ›das Böse‹, dann lassen wir uns und ihnen keine Wahl, ein Kampf in der Art ›du oder ich‹ ist die Folge. Um Interessen geht es dann nicht mehr, sondern um Vernichtung.

Meinen Feind allerdings, den kann ich achten und respektieren, auch wenn ich seine Interessen und Überzeugungen nicht teile. Ich muss nicht ihn als Person besiegen, kann mich um seine Argumente kümmern und mit ihm streiten. Und wenn wir beide zivilisiert sind, dann geht das sogar ohne Gewalt.

Kommentare :

  1. Ich halte viel von Carl Schmitt und den Ansatz, mit Interessen und Feindschaft zu argumentieren. Es geht um die Einhegung des Konfliktes, ein Herausnehmen einer schicksalhaften Überhöhung. Das trifft für weit mehr Konflikte zu, als es der aktuelle Diskurs wahrhaben will. Dass der Feind aber nicht mehr Feind genannt werden kann, verkompliziert den Gordischen Konten, der dann immer unlösbarer wird.

    Aber es trifft nicht für alles zu. Neben der Dimension der kontroversen Interessen glaube ich auch an die moralische Dimension. Es fängt bei den Regeln des Fair Play an und die schlichte Tatsache, dass es Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit gibt. Wenn Mächtige Schwache ausbeuten, ist das nicht nur eine Frage des Interessenskonflikts. Erst wenn es eine Klärung auf der moralischen Ebene gibt, kann es auch einen ehrlichen Interessenkonflikt zwischen Feinden geben, die aber auch in Kompromissen und neuen Freundschaften enden kann.

    Allerdings ist die Überhöhung, jeder Ansicht und Interesse einem moralischen Wert, gar in binäre gut/böse-Unterscheidungen zu verbiegen, ist in meinen Augen falsch und damit böse. Es fördert die Fehlentscheidung und verhindert Problemlösungen.

    Aber man muss genauer hinsehen. Das zitierte Beispiel des Klimaschutzes zeigt das Grundproblem. Entsprechend dem Narrativ der Klimaschützer ist es unbedingte moralische Pflicht, hier aktiv beizutragen. Der Feind ist der Zerstörer der Zukunft und grundböse. Ich könnte mich sogar dieser Deutung anschließen, wenn da nicht der Sachverhalt keineswegs eine robuste Grundlage liefern würde. Die Fakten widersprechen meist jenen moralisch Hochgerüsteten - zumindest liefern sie profunde Unsicherheiten. Darum vertreten jene viel mehr einem Glaubensbekenntnis und fordern sektengleich einen wilden und irrationalen Aktivismus bis zur Selbstaufgabe.

    Sind die Klimaschützer nun interessengeleitete Feinde, oder ideologieverblendete Hilfstruppen für ganz andere Interessen. Der einzelne Klimaschützer ist wahrscheinlich davon überzeugt, dass er das Gute tut. Er ist also nicht einfach dem Reich des Bösen zuzuordnen, aber er vertritt nicht wirklich die eigenen Interessen. Es sei denn, er sucht die emotional-moralische Befriedigung, die aber nicht eng an den Inhalt geknüpft ist, sondern im Grunde austauschbar ist.

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  2. Lieber Martin Landvoigt, Moralisch zu argumentieren macht nur dann Sinn, wenn die Gegner jeweils gleiche moralische Überzeugungen haben. Extrembeispiel: Ein Terrorist sieht es als moralisch geboten an, andere Menschen zu töten. Kommt dann noch die Religion ins Spiel, Stichwort Märtyrer, dann ist es ganz schwierig mit der Moral. Dann haben wir eine moralische Gegnerschaft: meine gegen deine Moral, die dann im Grunde die Gut-Böse-Unterscheidung ist. LG QQ

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  3. Danke für die Antwort, aber ich stimme nicht zu. Moral ist für mich keineswegs nur ein subjektives Urteil. Zum einen konglomeriert sich Moral in Gesetzen, erschöpft sich aber nicht in diesen. Gesetze stellen vor allem Leitplanken dar, aber auch diese sind nicht kritiklos zu betrachten. Gute Sitten sind Umgangsformen und gesellschaftliche Werte. Dazu gehört auch der respektvolle Umgang miteinander, der sich eben nicht in Gesetzen definiert.

    Natürlich teilen nicht alle die gleichen moralischen Werte, aber das invalidiert nicht das moralische Argument. Vielmehr wird genau denn, wenn es einen moralischen Grundkonsens gibt, dieser als Diskussionsgrundlage zu verstehen sein - z.B. dass sich Interessenkonflikte nach Regeln des Fair Play austragen lassen. Auch im Krieg gibt es eine Konvention.

    Wenn es in der spezifischen Frage keinen moralischen Grundkonsens gibt, dann muss eben die Moral im Diskurs Thema werden. Denn ohne Grundlage gibt es keinen Diskurs und wir landen beim Faustrecht.

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  4. Das Thema - Konflikt, Interessen, Moral und Regeln - wurde auch in dem Text 'Ist Höcke allein (noch) ein Grund, die AfD nicht zu wählen?' von Dushan Wegner angeprochen worden. Die Demokratie lebt davon, dass es einen Grundkonsens zwischen Konfliktparteien gibt, die sich auf Regeln zur Austragung des Konflikts einigt. Für mich handelt es sich um eine Frage der Moral, ob man sich gemeinsamen Spielregeln unterwirft. Ist dies nicht Konsens un Gegenstand wohlfeiler Aussetzung der Regeln, ist das nicht nur ein tolerabler Tabubruch, sondern ein Aussetzen einer funktionierenden Ordnung und das beschreiten eines verhängnisvollen Weg ins Chaos. Die gerufenen Geister dienen stets den Stärkeren. Was aber, wenn sich die Verhältnisse ändern?

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