August 21, 2016

Die Mauer - ganz persönlich

Ich weiß nicht mehr genau, wann ich das erste mal das Datum des Mauerbaus vernahm. Bewusst, meine ich. Wahrscheinlich war es im Alter von sechs oder sieben Jahren, plus minus. 1961, das Jahr des Mauerbaus, wurde von da an eine magische Zahl, ich war nämlich davor geboren, noch vor dem Mauerbau, etwas mehr als ein Jahr. Vor 61 gab es noch Freiheit, rudimentär zwar, nur das wusste ich nicht so richtig, damals. Es gab immerhin die Freiheit den Ort zu wechseln, dorthin zu gehen wohin man hin wollte. Das war etwas unter dem ich mir als Kind den Begriff Freiheit vorstellen konnte. Meinen Eltern habe ich immer vorgeworfen, zugelassen zu haben, dass ich in einem eingemauerten Land aufwachsen musste. Als ich geboren wurde, hätten sie noch gehen können. Verspürten sie keine Verantwortung mir gegenüber? Es war doch absehbar, was unter Kommunistenherrschaft geschieht.

Später, vielleicht vierte oder fünfte Klasse, Geschichten kursierten. Ein Klassenkamerad erzählte von einem Onkel, der 61 einen Tipp bekommen hätte, wonach die Grenze in Berlin bald dicht sein werde, woraufhin der sich noch schnell abgesetzt hatte, nur Tage vor dem Mauerbau. Ich konnte nicht mehr abhauen, die Grenze war dicht. Als sie noch ein wenig durchlässig war, von offen kann ja keine Rede sein, war ich erst ein Jahr alt und begann gerade erste eigene Schritte zu erlernen, und als ich begriff dass es eine Mauer gibt, da war es sowieso schon zu spät. Und doch sollte genau in dieser Zeit, als ich das Laufen lernte, etwas geschehen, was meine Bewegungsfreiheit massiv einschränken würde. Ich nahm es persönlich.

Meinen Eltern konnte ich erst vergeben als ich begriff, dass sie Baummenschen sind. Selbst wenn sie gewusst hätten, was besser wäre für ihre Kinder, vielleicht sogar für sie selbst, sie hätten nicht gehen können, als Baummenschen sind sie mit der Erde verwachsen. Sie spüren nicht welche Bedeutung eine Mauer hat, wenn sie nicht unmittelbar im Bereich ihrer Wurzeln steht. Dennoch verglich ich sie immer wieder mit dem Onkel des Klassenkameraden, der hatte erkannt was zu tun war und rette sich. Noch bevor ich wusste was Opportunismus und Mitläufertum ist, erkannte ich es schon, hatte nur noch keine Worte dafür.

Genau genommen verachtete ich meine Eltern wegen ihres vermeintlichen Opportunismus genauso, wie es die 68er im Westen mit den ihren taten. Fast wie ein Spiegelbild kommt es mir heute vor, ich war immun geworden gegenüber linken Ideen, wie sie gegen vermeintlich rechte. Mit dem Unterschied nur, ich konnte nur im verborgenen denken und fühlen, durfte die mir angetane Ungerechtigkeit nicht artikulieren, nicht darüber öffentlich diskutieren, nicht dagegen protestieren. Darum, auch darum, berühren mich die gegenwärtigen Sprechverbote und Diffamierungen ganz persönlich. Ein Kindheitstrauma wird wieder wach. Nein, was mich am gegenwärtigen Zustand Deutschlands an die DDR erinnert, ist nicht die Dominanz von linken Ideen, sondern der ganz subjektive Eindruck, dass es wieder Mut erfordert, will man Gedanken diskutieren die dem Mainstream widersprechen. Der Rückzug ins Private, so wie es meine Eltern taten, ist für mich keine Option.

Vergleiche ich hier etwas, was eigentlich nicht vergleichbar ist, und setze das heutige Deutschland mit der DDR gleich? Schon möglich dass es konstruiert wirkt, das passiert bei Vergleichen jeglicher Art sehr schnell. Beim Versuch es objektiv zu betrachten, fallen mir natürlich sofort die Qualitätsunterschiede auf. Es gibt keine Mauer die mich am Verlassen des Landes hindern würde, ich kann hier sitzen, diese Zeilen schreiben und sie veröffentlichen. Deutschland heute ist keine DDR2, aber was soll ich machen, die geistige Intoleranz der Linken und der Grünen, ihr Versuch mit Diffamierungen und Einschüchterungen, nicht nur in den sozialen Medien, ihre Indoktrination in Schulen und Medien, die sie nun durch die gewonnenen Machtpositionen in Verwaltungen und dergleichen ungeniert und arrogant ausüben können, weckt eben diese meine Kindheitsempfindungen wieder auf. Der Opportunismus und das Mitläufertum derer die eigentlich nicht links oder grün sind, tut ein übriges. Genau genommen ist es dieser Punkt, der mich am meisten an die DDR erinnert, und ich nehme es wieder persönlich.

Es mag ein Trauma sein, was mich hier und heute quält, was mich besonders sensibel auf mediale Indoktrinationsversuche und dergleichen reagieren lässt; und nicht nur einmal dachte ich darüber nach, ob es nicht besser wäre, mich deswegen zum Fachmann auf die Couch zu legen, als zu bloggen darüber. Dann aber wieder denke ich: Die Gesellschaft gehört auf die Couch, nicht ich. Dieser Gedanke macht mir aber sofort Angst. Wenn ich dies fordere, dass die Gesellschaft eine Therapie beim Psychiater benötigt, was unterscheidet mich dann noch von den sogenannten 68ern, die ihr Trauma, ihre durch Eltern und Politik erlittenen Verletzungen, nicht verarbeitet haben und es auf die Gesellschaft projizierten und diese zu therapieren versuchten. Leider mit Erfolg, wie man rückblickend fest stellen muss.

Die Mauer habe ich nicht nur überlebt, ich habe sie auch 1983 besiegt, als ich die DDR physisch hinter mir ließ. Die inneren Kämpfe gehen aber weiter: Wie kann ich meinen Eltern vergeben, dass sie sich nicht mit mir vom Acker gemacht haben, als es die Möglichkeit dafür noch gab? Protestieren und gegen die Missstände kämpfen hätten sie ja gar nicht müssen. Sie taten es nicht und sie blieben dort, sie richteten sich ein im Gefängnis. Wie ordne ich ihren Opportunismus ein, ihr Mitläufertum? Eigentlich sind es die gleichen Fragen die die 68er bewegten. Nur will ich einen anderen Weg einschlagen, will mich zwingen zu verstehen, und nicht die heutige Gesellschaft für ihre Vergangenheit verachten. Wenigstens darin möchte ich mich von den 68ern ff unterscheiden, wenn es auch sonst so viele Gemeinsamkeiten gibt, was zuzugeben mir eher unangenehm ist.

Vielleicht können die (meisten) Menschen einfach nicht anders, als sich einzurichten in ihrem Gefängnis. Sloterdijk beschreibt es als »Selbstdomestikation« und bringt das Unfertige des Menschen ins Spiel, auch Neotenie genannt. Ich muss zitieren: „Die Offenlegung des Neotenie-Geheimnisses untermauert die Einsicht der Kulturanthropologen, daß der Mensch von elementaren Stufen an als Kulturgeschöpf begriffen werden muss.“ Ich will nicht weiter drauf eingehen, nur noch mal den Begriff »Kulturgeschöpf« betonen. Das würde bedeuten, dass die Vorstellung von kultureller Prägung des Menschen viel zu kurz greift, nein der Mensch ist durch »seine« Kultur erst so entstanden, es ist nichts Fremdes was man ihm aufgeprägt hat, und vielleicht auch wieder umprägen könnte, sondern es ist Teil seiner Selbst. Weiter meint Sloterdijk, „daß die Entdeckung der Neotenie auch vermeintlich zu Ende untersuchte Phänomene wie Traditionsvermittlung und Erziehung unter einem veränderten Licht erscheinen läßt.“ Das sind Aussagen, die angesichts der derzeitigen Zuwanderungswelle ziemliches Unbehagen auslösen, und die Rede von der Integration noch lächerlicher erscheinen läßt.

Mir aber helfen diese Gedanken mich mit meinen Eltern auszusöhnen, ihr Opportunismus und ihr Mitläufertum wirkt auf einmal viel weniger dominant, wenn ich sie als Geschöpfe einer Kultur begreife, gegen die sie nie ankämpfen konnten oder wollten. Es wäre einer Selbstamputation gleichgekommen, hätten sie sich dagegen aufgelehnt. Nur, warum war es bei mir nicht so, warum habe ich mich seit Kindesbeinen gegen eine Kultur gesträubt, die, wenn man Sloterdijks Ausführungen zur Neotenie folgt, mir das Nest hätte sein müssen? Vielleicht ist die Antwort ganz einfach und in Evolutionsmechanismen von Gesellschaften zu suchen. Immer ein paar Individuen nehmen das nicht an, was ihnen die Kultur vorgibt, sie suchen andere Wege. Kulturelle Mutanten sozusagen. Das wäre dann wahrscheinlich auch der Punkt, warum ich bei aller herzlicher Verachtung den 68ern ff gegenüber, doch so was wie eine Nähe und Verwandtschaft zu ihnen fest stelle. Wenn es die Mauer nicht gegeben hätte, wäre ich vielleicht einer von ihnen geworden.

Kommentare :

  1. "Nein, was mich am gegenwärtigen Zustand Deutschlands an die DDR erinnert, ist nicht die Dominanz von linken Ideen, sondern der ganz subjektive Eindruck, dass es wieder Mut erfordert, will man Gedanken diskutieren die dem Mainstream widersprechen."

    War das nicht immer so? Brauchte es nicht immer (etwas) Mut, Meinungen und Gedanken zu vertreten, die dem Mainstream und Zeitgeist widersprachen? Gab es überhaupt mal eine Zeit und einen Ort, wo das wesentlich anders war?

    Mir gefällt sehr an Ihrem Beitrag, dass Sie viele Aspekte des Für und Wider ausleuchten. Eine Fähigkeit, die man in vielen Blogs nicht wirklich antrifft.

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    1. Ja klar. In der Bundesrepublik Deutschland der späten 70iger und 80iger Jahre. Damals war es vielleicht rauher im Ton, aber demokratischer und freier, weniger Moralapostel unterwegs. Es war gesellschaftlich akzeptiert eine andere politische Meinung zu haben als der Mainstream. Zur Zeit wird eine Seite ausgegrenzt. In den Magazinen im Fernsehen waren damals beide Seiten vertreten nicht nur der Mainstream. Von Ausgrenzen konnte keine Rede sein. An den Schulen und Unis waren die Schüler und Studenten frei und selbständig. In der Schule spielten die Eltern ab der 9. Klasse keine Rolle mehr. Warum glauben sie dass damals die Grünen sexuelle Selbstbestimmung für 16-jährige fordern konnten.
      Warum wurde das wohl erst jetzt zum Skandal. Damals war es eben einfach eine politische Meinung.
      Vor allem wurden politische Meinungen als das genommen was sie sind. Politische Aussagen und keine moralischen Predigten. Politische correctness war ein Fremdwort. Was ein Heiko Maas so abzieht an antidemokratischen Äußerungen und Aktionen wäre nicht möglich gewesen.

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  2. Okay Herr Heß, ich hab in dieser Zeit nicht hier gelebt, also kann ich es leider persönlich nicht miteinander vergleichen. Trotzdem verwundert es mich ein bisschen. Man darf nicht vergessen, dass in den 70er Jahren mit dem Radikalenerlass konnten Berufsverbote gegen diejenigen ausgesprochen werden, die aus Sicht des Staates in den "falschen" Organisationen oder Parteien aktiv waren. Da musste man schon zweimal überlegen, wie weit man mit seinen Meinungen sein Kopf aus dem Fenster rausstrecken konnte.

    Ich habe auch nicht den Eindruck, dass früher weniger Moralapostel unterwegs waren. Die sexuelle Freizügigkeit bis hin zur Homosexualität hat lange gebraucht, auch von den Moralwächtern anerkannt zu werden. Manchmal verklärt man die alten Zeiten gerne (nicht nur in den alten, sondern auch in den neuen Bundesländern).

    "Es war gesellschaftlich akzeptiert eine andere politische Meinung zu haben als der Mainstream."

    Wie gesagt, diese Zeiten kenne ich wirklich nur aus Erzählungen und Reportagen, aber da machte es mir überhaupt nicht diesen Eindruck. Nur mal ein Beispiel hier aus der Region, Helmut Palmer, Vater des heutigen Tübinger OB, war ein Obstbauer und politischer Aktivist. Mit Bewunderung sprechen Arbeitskollegen von mir über ihn, die ihn noch persönlich erlebt haben. Er war radikal, sowohl in seinen Ansichten zum Obstbau, wie auch in politischen Dingen, er eckte in vielen Dingen an und kämpfte gegen Behörden. Von einem Teil der Bevölkerung wurde er geachtet, aber von einem anderen teil regelrecht gehasst. Das ging soweit, dass er regelmäßig von Leuten verprügelt wurde.

    Wenn ich heute alte Bundestagsdebatten mit Wehner oder Strauß sehe, dann habe ich auch nicht den Eindruck gehabt, dass die sich politisch akzeptiert haben, auch wenn die mal eine große Koalition eingingen.

    Ein guter Freund von mir ist in den 70er und 80er Jahren aufs Gymi gegangen ist, meinte, wenn man in der Schule nicht dieselbe Musik hörte oder die gleichen Klamotten anhatte, war man Außenseiter.

    "In der Schule spielten die Eltern ab der 9. Klasse keine Rolle mehr."

    Wenn ich meine Arbeitskollegen frage, die ca. 10 Jahre älter sind als ich, höre ich da oft was anderes. Wie gesagt, ich kann besagte Zeit nur aus Erzählungen erfahren, aber die hören sich eben nicht ganz so an, wie Sie es beschreiben. Soll nicht heißen, dass ihre Wahrnehmung die falsche ist, sondern das es nicht wenige etwas anders erlebt haben. Kann ja wirklich so sein, dass Sie persönlich in einer sehr liberalen Familie und Umfeld aufgewachsen sind. Sorry für die Textüberlänge.

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    1. Das ist falsch. Beim Radikalenerlass ging es darum, ob jemand der einer verfassungsreinlichen Organisation angehört oder für verfassungsfeindliche Ziele eintritt verbeamtet wird oder in den öffentlichen Dienst übernommen wird. Das war im Grunde geltendes Beamtenrecht und wurde meines Wissens von Willy Brand verstärkt in die Diskussion gebracht und als verfahrensanweisung präzisiert. Die SPD hat sich davon auch schnell wieder verabschiedet in den 70iger Jahren nachdem Schüler und Studenden aller politischen Richtungen dagegen protestierten.
      Das ist der Unterschied der die Gesellschaft freier machte damals. Was die Medien gegen die AfD abziehen hätte die Studenten auf die Straße gebracht. Umgekehrt was die AfD in manchen Dingen abzieht hätte ebenfalls die Studenten auf die Straße gebracht. Die politische Diskussion insgesamt war weniger vom Mitläufertum und Obrigkeitshörigkeit geprägt wie es jetzt der Fall ist. Ein Bundespräsident wie Gauck der sagt die Eliten in Europa sind nicht das Problem, sondern die Bürger hätte Proteste hervorgerufen.
      Im Grunde wurden in den 70iger und 80iger Jahren genau diese Freiheiten erkämpft. Das machte die Diskussion freier. Freiheit heißt ja nicht, dass es keine Gesetze gibt, sondern dass man dagegen vorgehen kann. Das "perfide" an der heutigen Situation die von Mitläufern und Mainstream in den Medien geprägt ist, dass die Einschränkungen nicht nur vom Gesetzgeber kommen, sondern auch durch die fehlende Pluralität in den Medien. Dagegen läßt sich kaum was machen. Im Grunde sind wir dadurch anfälliger für eine "Diktatur" geworden. denn es ist ja der Mitläufer der die Diktatur trägt und stützt, ohne ihn ist die Diktatur nicht möglich.

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    2. Kleine Ergänzung zum Radikalenerlass. Sinngemäß gibt es den Grundsatz glaube ich immer noch im Beamtenrecht. Abgeschafft wurde glaube ich nur die Regelanfrage.

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  3. @Günter

    Was mich an der Figur des Mitläufers so fasziniert, ist, dass wir das alle sind, bis zu einem gewissen Grade. Im Deutschunterricht im Osten war ja der »Der Untertan« Pflichtlektüre. Ich glaube mich zu erinnern, sogar einen Romanverfilmung im Unterricht angeschaut zu haben. Ich denke, viele Menschen assoziieren bei dem Begriff Mitläufer so eine Figur wie den Diederich Heßling, aus Selbstschutz heraus. So ist man ja nicht, so ist man ja keinesfalls. Das ist sozusagen ein Selbsterhaltungstrick, um sich sein Mitläufertum nicht bewusst zu werden. Dieser Verdrängungsmechanismus zusammen mit der Rechtfertigung doch kein Diederich Heßling gewesen zu sein, erlaubt es den Menschen ihre eigene Rolle unter totalitären Regimen (Nazis, DDR) umzudeuten und sich im Nachhinein als eigentlich Oppositionellen darzustellen. Das kann man den Menschen ankreiden, ich habe das jahrzehntelang getan. Ich habe sie verachtet. Aber Zweifel existierten dennoch, weil es eben auch Menschen betraf die ich mochte und schätzte, gar liebe, wie meine Eltern. Auch die Auseinandersetzung mit Heinz Eng hat mir weiter geholfen Puzzleteile zu finden. Doch wie ich die Puzzleteile zusammensetzen soll, da hat mir jetzt der Sloterdijk weiter geholfen mit seinen Ausführungen zur »Selbstdomestikation« und zur Neotenie des Menschen.

    Günter, du sagst: „... denn es ist ja der Mitläufer der die Diktatur trägt und stützt, ohne ihn ist die Diktatur nicht möglich.“ Genau das ist der Punkt, der mich manchmal rasend macht. Der Mitläufer ist wie Mörtel der die Steine zusammenhält. Ohne ihn würden alle ideologischen Konstrukte blasse Theorie bleiben und auf Aktivistenzirkel beschränkt bleiben. Besonders deutlich sehen wir es derzeit beim Islam. Die schweigende Mehrheit, die doch angeblich moderat sind, sind die Mitläufer die ihn gefährlich machen.

    Auch die vielen Beschreibungen des Konformismus treffen den Kern des Mitläufertums nicht, der äußere Druck wird über bewertet. Der M. tut freiwillig was er tut. Dennoch bleibt die Frage danach unbeantwortet, was es denn wirklich ist, was ihn antreibt? Er entwickelt ja auch Lebensplanungen und strebt nach Glück und will Leid vermeiden. Warum muss ich jetzt an die Heimatfilme und Schlager der 50er und 60er Jahre denken?

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  4. @ Günter

    Was ich bislang noch nicht richtig begriffen habe, wenngleich ich eine Vermutung habe, ist die Rolle der Mitläufer bei den 68ern und folgenden. War diese Bewegung nicht eigentlich auch von Mitläufern getragen, die einfach die vorgefundene Häuslichkeit des Protests aufgenommen haben? Hätte es Mut und Intellekt erfordert, gegen die (mutmaßlich) vorherrschende Kultur des Protestes zu sein? Mit welchen Folgen? Mein Verdacht ist, dass es vielleicht so etwas wie ein atmosphärisches Gefühl mit dem Wunsch nach Veränderung gegeben hat, das von konservativen Kreisen nicht richtig gedeutet wurde, und dadurch eine Sinnlücke entstand die mit den Ideologien der 68ern aufgefüllt wurde? Kleine rigide Gruppen, wie in bestimmten Studentenkreisen, lieferten eine Erklärung für das sich verändernde atmosphärische Gefühl, der Rest bestand dann hauptsächlich aus Mitläufern. Es waren ein paar Massenkristalle da, und weil die Umstände günstig dafür waren, entstanden Massenbewegungen. Waren es Massenbewegungen?

    Den Massenkristall beschreibt Canetti so: Als Massenkristalle bezeichne ich kleine, rigide Gruppen von Menschen, fest abgegrenzt und von großer Beständigkeit, die dazu dienen, Massen auszulösen. Es ist wichtig, dass diese Gruppen überschaubar sind, dass man sie mit einem Blick umfasst. Auf ihre »Einheit« kommt es viel mehr an als auf ihre Größe. Ihre Verrichtung muss vertraut sein, man muss von wissen, wozu sie da sind. Ein Zweifel an ihrer Funktion würde ihnen jeden Sinn nehmen, am besten ist es sie bleiben immer gleich. Sie sollen nicht zu verwechseln sein.

    Momentan, wenn ich mich nicht täusche, existiert wieder so ein atmosphärisches Gefühl mit dem Wunsch nach Veränderung. Kein einheitliches, sondern eher so was wie: „So kann es nicht weiter gehen.“ Dieses Gefühl wird nun von verschiedenster Seite bedient. Von den Ökologisten genauso, wie von Pegida und AfD. Hier ist nun genau der Punkt meiner Angst, da ich meine Sympathie zur AfD ja nie verhehlt habe, ob ich selbst nicht ein Mitläufer werde? Deshalb will ich ganz einfach mehr über diese Vorgänge wissen und forsche nach. In den Schnipseln schrieb ich: „Früher war der Mensch der Natur ausgeliefert, heute ist es umgekehrt. Dies ist die Kernaussage der Rede vom Anthropozän.“ Ich teile diese Aussage nicht, aber es ist eben ein vorherrschendes Gefühl was sich nun in einem scheinbar wissenschaftlichen Ausdruck spiegelt. Ich habe nur ein Gefühl fest gestellt, was ich aber nicht teile.

    Vielleicht sind das alles nur Auswirkungen weil es die bipolare, in Ost und West geteilte, Welt nicht mehr gibt? Der These hänge ich schon länger nach.

    Noch mal zum Mitläufer. Vielleicht hat der ein besonderes Gefühl für gesellschaftliche Atmosphären und passt sein Leben danach an? Massenkristalle helfen dann als Orientierungspunkt.

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  5. Hallo Günter Heß und Quentin Quencher, ich finde ihre Gedanken überlegenswert und interessant. Wirklich nur als kleiner Einwurf gedacht, ich frage mich was ist, wenn man statt Mitläufertum Konformismus sagen würde. Oder ob man nicht tatsächlich Konformität meint, wenn man von Anpassung und Mitlaufen spricht (auch wenn Quentin Quencher da Unterschiede sieht).

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    1. @ S.Hader

      Die Konformität ist hauptsächlich äußeren Druck geschuldet. Sie entspringt dem Wunsch nach Vermeidung von Leid, während der Mitläufer sein Glück im System sucht. Der Mitläufer nimmt die vorgegebenen Rahmenbedingungen an und sucht sich innerhalb dieser sein Lebensglück. Derjenige der sich Konformitätsdruck anpasst, beugt sich mehr oder weniger einer Gewalt die nicht seinem Wesen entspricht. Verhalten tun sich beide im Grunde gleich, nur der Grund für ihr Verhalten ist unterschiedlich.

      Im Wikipediabeitrag über Konformität wird auch der Unterschied zwischen »privater Akzeptanz« und »öffentlicher Folgsamkeit« angesprochen. Dies kommt der Sache schon näher. Meine Beobachtung ist aber noch mal anders, denn die private Akzeptanz, welche dem Mitläufertum scheinbar nahe kommt, stellt nur fest, dass individuelle eigene Vorgaben mit denen der Gesellschaft übereinstimmen. Der Mitläufer entwickelt aber seine eigne Moral innerhalb der Vorgaben der Gesellschaft. Er stellt diese Vorgaben nicht in Frage, sie sind sein Haus in dem er sich einrichtet und berühren somit Fragen der Identität viel intensiver, als es über die Betrachtung von Konformität ausgedrückt werden kann. Er entwickelt seine Identität innerhalb der Vorgaben der Gesellschaft, auch in deren eventuellen individuellen Freiräumen. Er wächst sozusagen in die Möglichkeitsräume hinein, innerhalb dieser Möglichkeit- oder Freiräume entwickelt er seine Identität. Der Nicht-Mitläufer entwickelt seine Identität außerhalb der Vorgaben der Gesellschaft und ist somit einem Konformitätsdruck ausgesetzt, er muss sich anpassen, will er Leid vermeiden.

      Aber wie gesagt, verständlich werden diese Dinge nur unter Zuhilfenahme von der Annahme von der Neotenie des Menschen.

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