6. April 2021

Die Gemütlichkeit des Mainstream

Meine letzten Jahre in der DDR, bis zur Ausreise 1983, waren geprägt von einer weitestgehenden Verachtung meiner Mitmenschen für ihren Opportunismus und ihr Mitläufertum. Ein paar Freunde, die sich dem widersetzen, waren der einzige Lichtblick. Dafür bin ich viel gescholten worden, teils zu Recht; ich war ein junger Kerl damals und die Differenzierung ist keine Stärke dieses Alters. Dennoch halte ich an diesem Bild fest, bis heute, habe nur etwas mehr Verständnis für die Opportunisten, für die damals wie für die heute. So klar es mir in diesen Jahren war, so offensichtlich sind diese Mechanismen der Anpassung auch heute noch wirksam.

Opportunismus und Mitläufertum, beides überwiegend genährt von dem Bedürfnis des „sich einrichten“ in der Welt, die man vorfindet, sind in einer Diktatur besonders deutlich, dort sind sie offensichtlicher, allerdings werden Opportunisten da auch schnell mal als Mitläufer beschrieben oder verkannt. Nur beim genauen hinsehen ist zu erkennen, was beide voneinander unterscheidet. Der Opportunist sucht zuallererst seinen Vorteil, versucht seine Interessen im System umzusetzen, während der Mitläufer lediglich hofft, nicht anzuecken und den Weg des geringsten Widerstandes geht. Manchmal wird es mit der sogenannten Schweigespirale beschrieben, wie sich Menschen danach richten, was sie als Mainstream empfinden. Doch ob Mainstream oder Diktatur, gerade für eher unpolitische Personen macht das keinen großen Unterschied.

Bevor ich gleich wieder gescholten werde, wegen dieser scheinbaren Gleichsetzung von Diktatur und Mainstream, so will ich doch den Blick auf die Wirkungen lenken. Beides, Diktatur wie Mainstream, bewirken Anpassung im täglichen Leben, vor allem gerade dann, wenn die Politik keine besondere Rolle im Bewusstsein spielt. Stellen wir es uns einfach so vor, wie die Mode auf Menschen wirkt. Freilich werden sich Herr und Frau Normalo nicht an dem orientieren, was auf den Laufstegen so gezeigt wird, dies wird bestenfalls ein Schmunzeln oder Kopfschütteln hervorrufen, dennoch verändern die meisten ihr Erscheinungsbild. Der Haarschnitt wird anders, bestimmte Hemdkragen, breiter oder schmaler Schlips, vielleicht gar keinen mehr, sei nur als Beispiel genannt.

Der Opportunist nutzt dann die Mode, vielleicht verkauft er die entsprechende Kleidung, während der Mitläufer sich nur anpasst, um nicht aufzufallen, wahrscheinlich gefällt es ihm sogar ein Stück weit, es gibt ihm die für ihn nötige Sicherheit im täglichen Leben und befriedigt seine Sehnsucht nach Gemütlichkeit, die hierzulande deutlich stärker ausgeprägt ist, als die nach Individualismus oder Freiheit.

Aber eigentlich geht es mir hier gar nicht so sehr darum, den Unterschied zwischen Opportunisten und Mitläufer herauszustellen, es genügt zu wissen, dass die ersteren aktiver sind bei der Suche nach eigenen Vorteilen im System, während es den andern, den Mitläufern, mehr um die Vermeidung von Ärger oder Stress geht. Fast könnte man denken, im Grunde geht es um die uralte philosophische Frage nach Glück und Leid, allerdings unter Abwesenheit jeglicher Moral oder Verantwortung, was sowohl bei Mitläufern als auch bei Opportunisten auffällig ist.

Nun könnten wir beginnen zu analysieren, wer denn nun in diesen Zeiten die Moral auf seiner Seite hat, es wird dabei nichts herauskommen, weil moralische Argumente eben meist der Rechtfertigung dienen, zumindest beim Mainstream der Opportunisten oder der Mitläufer. Denen geht es um Vorteilsuche oder Gemütlichkeit, in dem System welches sie vorfinden. Das ist ihr eigentliches Begehren, sie richten sie ein. Ob das System eine Diktatur ist oder ein zeitgeistiger Mainstream, spielt für sie keine Rolle.









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Kommentare :

  1. Der Unterschied zwischen Opportunisten und Mitläufern ist anfänglich kaum erkennbar. Und ob man dann - als aufrechter gradliniger Mensch - tiefer in solche schwachen "Persönlichkeiten" blicken möchte, um die Ursachen und Feinheiten zu erkennen/zu benennen, darf bezweifelt werden. Es sei denn, aus beruflichen Gründen.
    Fest steht, solche feigen und charakterlosen Gesellen sind keine Einzelfälle, eher ein trauriges Massenphänomen, auf das Depoten und Diktaturen stets bauen können.
    Bittere Armut und Verzweiflung mag zwar gelegentlich ihr Verhalten kurzfristig ändern, ihre Einstellung, ihre Konstitution aber kaum.
    Wir Erkennenden werden damit leben müssen - und im Rahmen unserer Möglichkeiten (Alter, Geld, Verpflichtungen) -entsprechende Maßnahmen ergreifen.

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    1. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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    2. Schade, ich hätte den wegzensierten Kommentar gerne gelesen, schon um zu erfahren, ob er eine Antwort auf meine Beiträge ist...

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    3. Hallo DerUlli, Jemand hatte Anomym geschrieben: „Hallo Gast, wenn Sie schon meine Worte wählen, was ja löblich ist, dann kennzeichen sie diese auch, OK? Danke! Grand Nix“

      Nur zur Info und wegen Ihrer Nachfrage. Normalerweise schalte ich solche Äußerungen nicht frei, hier hatte ich es aber versehentlich getan.

      Viele Grüße, Quentin


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  2. Also, genau wie der von mir sehr geschätzte Autor habe ich ausführliche Erfahrung mit der "DDR" (30 Jahre), um nun auf weitere 30 Jahre in "Großdeutschland" zurückzublicken.
    In beiden Systemen hat mich die große Politik nur insofern interessiert, als ich geschaut habe, ob ich geistige Freiheit genieße und ob ich meiner innersten Bestimmung, der Naturwissenschaft, folgen kann/darf. Natürlich muss man dazu auch materiell leben können.
    Und, was ist die Bilanz?
    Materiell ist jetzt alles viel besser - auch bzgl. Möglichkeiten für Naturwissenschaft. Aber: die Wissenschaft selbst scheint hier zunehmend ideologiegetrieben zu degenerieren (Philosophie, Klima, Kosmologie....).
    Die geistige Freiheit erschien mir nach der "Wende" so groß und herrlich. Was ich dann plötzlich alles lesen konnte! Aber: Seit Merkels "Ergrünung" geht es nun wieder zurück in ideologiegetriebene, enggeistige Zustände.

    Aber zurück zum Artikel: Ich war vermutlich vor der "Wende" eher ein "Mitläufer", der in Ruhe(!) seine privaten Hobbies/Interessen verfolgen wollte...

    Wenn ich heute so um mich sehe, ist das erneut die einzig "gesunde" Verhaltensweise.:(

    Danke für all die anregenden und wahren "Glitzerwasser"-Texte!

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  3. Zu meinem gestrigen Kommentar möchte ich noch eine etwas kritische Ergänzung anbringen:
    Ich lese aus dem Artikel heraus, dass jeder, der sich nicht voller Moral und Verantwortung der Weltverbesserung verschreibt, "Opportunist oder Mitläuifer" - und folglich ein nicht zufriedenstellender Mensch - ist. Das streite ich vehement ab!
    Der o.g. Anspruch ist pseudoreligiös: Wer nicht heilig ist, der ist ein Sünder, also abzulehnen...
    Ein humanistisch akzeptabler Mensch ist für mich hingegen jeder, der sich lediglich bemüht, im liberalen Sinne sein Leben zu fristen - also ohne die Freiheiten Anderer zu beschneiden. Zu mehr (im Sinne von "Weltrettung") sind die meisten Menschen nicht geschaffen - eben keine "Heiligen", keine "Edlen Ritter".

    Ich halte es folglich mit Dushan Wegner: Es gibt das fundamentale Menschenrecht, in Ruhe gelassen zu werden.
    Würden sich alle danach verhalten, wäre die Welt schon VIEL BESSER.

    Danke.

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