1. August 2021

Die Insel

Die für mich eindrucksvollste Szene im Film ›Cast Away‹, mit Tom Hanks in der Hauptrolle, ist ganz am Ende. Er steht auf einer Kreuzung irgendwo im weiten Land, irgendwo im mittleren Westen der USA, so scheint es und es ist nicht klar, wohin die Wege führen, aber er ist nicht verloren in der Weite, sondern irgendwie glücklich. Den Großteil des Films machte die Beschreibung seines Lebens auf einer einsamen Insel aus, auf der war er nach einem Flugzeugabsturz, als einziger Überlebender, gestandet. Wie der Schiffbrüchige Robinson Crusoe, nur eben im Heute.

Immer wieder üben diese Vorstellungen, wie denn das Leben auf einer einsamen Insel sei, große Faszinationen aus, ›Geheimnisvolle Insel‹, ›Schatzinsel‹, ›Insel des vorigen Tages‹ und viele weitere Romane und Erzählungen spielen damit. Und manchmal, so ertappe ich mich, sehne ich mir einen Ort, an dem ich als Einsiedler sein kann, fern dieser Welt, ganz allein mit mir beschäftigt und meiner direkten Umgebung.




Spenden


Glitzerwasser ist frei von Werbung, auch sind keine nervigen Popups geschaltet. Doch Spenden sind gerne willkommen. Per Überweisung oder einfach per PayPal.

Vielen Dank




Warum aber berührt mich diese letzte Szene im erwähnten Film so sehr? Weil ich das Gefühl kenne! Doch um dieses zu erklären, muss ich ein wenig ausholen.

Einige Jahre lebte ich auf tropischen Inseln am Rande des Pazifiks, allerdings nicht so wie die Romanfigur Robinson Crusoe oder im Film der von Tom Hanks dargestellte Chuck Noland, sondern mitten unten Leuten, mit meiner Familie, und die Inseln hatten Häfen, manche sogar Flughäfen, von einsam kann also keine Rede sein. Alle Annehmlichkeiten der modernen Zivilisation waren vorhanden, inklusive Strom, Fernsehen, Telefon, Internet, Kino und Supermarkt. Dennoch, in dem Moment, wenn ich ganz real ins Auto stieg, so ein winziger Suzuki mit kleiner Fahrerkabine und teilweise überdachter Ladefläche, war klar, spätestens nach ein paar Stunden bin am anderen Ende der Insel angelangt oder habe sie umrundet. Die reale Welt, in der ich lebte, war überschaubar, könnte man sagen.

Ein Gespräch auf einer anderen Insel, ganz woanders, mischt sich in die Erinnerung. Es war auf Gozo, dieser kleinen Nachbarinsel von Malta, im Mittelmeer also. Herrliche Unterwasserhöhlen gibt es da zu betauchen, deswegen war ich mehrmals dort. Zum Mittagessen saßen mein Reise- und Tauchbegleiter und ich in einer dieser Hafenwirtschaften und kamen mit jungen Frauen oder Mädchen ins Gespräch. Nein, nein, das war ganz züchtig und anständig dort, keinerlei Rotlichtviertel oder Prostitution, um diesen Verdacht schon von vornherein auszuräumen. Dergleichen habe ich auf Gozo nie kennengelernt. Vielleicht gibt es da was, ich habe aber nichts davon bemerkt und auch nicht danach gesucht.

Die Mädchen, ich benutze diese Bezeichnung, obwohl es sich offensichtlich schon um erwachsene Frauen handelte, aber sie waren eben noch sehr jung, in einem Alter, so schien es, in dem Lebensplanungen konkret wurden. Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht recht, ob ich sie nicht besser Frauen nennen sollte, doch das würde Lebenserfahrung voraussetzen und bei ihnen schien mir noch die Neugierde im Vordergrund, deshalb nenne ich sie Mädchen. Ich hoffe, es stört sich niemand daran.

Woher wir kommen, wurde gefragt, ob wir verheiratet sind und was uns auf Gozo so gefällt. Ein nettes unverbindliches Gespräch. Wir antworteten und erzählten von unserem Zuhause und schwärmten vom guten Essen auf dieser Insel. Die Kommunikation war problemlos, mit ein bisschen Englisch kommt man gut durch, das spricht dort jeder.

„Es ist lustig“ meinte eine der Frauen (Frauen? Habe ich sie eben Frau genannt, wo ich doch vorher sie als Mädchen bezeichnete. Ach, ist nicht so wichtig!). Es sei lustig, sagte sie, dass die Leute vom Festland sich immer nach einer Insel sehnen und dass sie, die auf der Insel leben, viel lieber aufs Festland ziehen würden. Die Sehnsuchtsorte sind völlig konträr, diesbezüglich.

Wahrscheinlich trifft diese Aussage nicht auf eine größere Menge von Inselbewohnern zu, den meisten wird ihre Insel Heimat sein, die sie nicht verlassen wollen; aber dass gerade jungen Menschen ihre Heimat als zu eng, zu überschaubar empfinden, kommt auch bei Festlandlandbewohnern nicht selten vor.

Chuck Noland wirkte in der letzten Szene des Filmes nicht unglücklich, als er mitten im Nirgendwo auf einer Straßenkreuzung stand. Zu sehen gab es da nichts, eigentlich wirkte die direkte Umgebung mehr wie eine Einöde. Aber er hatte eine Wahl, war nicht gezwungen an diesem Ort zu bleiben, selbst die Himmelsrichtung, in welche er weiterreisen möchte, stand ihm frei. Der pure Kontrast zum Leben auf einer Insel.

Vermutlich kann das nur nachvollziehen, wer mal längere Zeit auf einer Insel gelebt hat. Allerdings, ich habe mich sehr wohlgefühlt auf meiner philippinischen Insel am Rande des Pazifik, auch noch nach Jahren. Zwei unserer Kinder wurden dort geboren, sie wurde mir schon ein bisschen so wie Heimat. Meine Frau überlegt manchmal, wenn sie in Rente geht, dass sie wieder dahin zurückkehrt. Das wäre dann in mehr als zwanzig Jahren, ich lächle bei dieser Vorstellung nur und sage nicht, was ich denke.

Nun endlich will ich zu dem Gefühl kommen, was ich oben erwähnte. Es hat mit Freiheit zu tun. Manchmal am Wochenende setzen sich meine Frau und ich ins Auto und wir fahren einfach los, nur die grobe Richtung sprechen wir ab. Ein Ziel gibt es nicht, der Weg ist das Ziel und das Navi ausgeschaltet. Bevorzugt geht es über Landstraßen und an so vielen Kreuzungen fragte ich sie: Welche Richtung sollen wir nehmen? Es ist eigentlich egal, wir wissen, der Weg wird nicht im nächsten Ort zu Ende sein, es wird immer weiter gehen und wir können uns an jeder weiteren Kreuzung wieder neu entscheiden. Man muss wahrscheinlich auf einer Insel gelebt haben, um so was als Glücksgefühl zu empfinden.

Natürlich könnte ich jetzt noch einen Bogen zur Tagesaktualität schlagen und auf Corona eingehen, auf die vielen Inseln, die nun entstehen, auf die sich die Menschen zurückziehen (müssen). Aber ich verkneife es mir hier, wer will, kann diese kleine meine Erzählung selbst deuten.






1 Kommentar :

  1. Ich habe mal gelesen, als der Daniel Defoe gelebt hat und England noch eine Großmacht zur See war, sind tatsächlich immer mal Seeleute über Bord gegangen und auf einsamen Inseln gestrandet. Manche hat man nach 20 Jahren wieder abgeholt. Die waren total verlottert und konnten kaum noch sprechen. Vielleicht doch nicht so eine gute Idee, auf einer einsamen Insel zu landen...

    AntwortenLöschen