April 11, 2015

Plattenbauten und eine rote Flagge

Im letzten Teil dieser Ausreiseantrag-Serie wurde beschrieben, wie sich das Misstrauen wie der kalte Wind selbst in die privatesten Kontakte einschlich. Dieses Misstrauen war natürlich bei Leuten wie wir, die wir uns als Oppositionelle und Regimegegner in der DDR verstanden, besonders ausgeprägt, doch es erfasste genauso die normalen Bürger, die die eigentlich nur in Ruhe gelassen und ihr Leben leben wollten. Dies zeigte sich in vielfältiger Weise, zum Beispiel durch das Flüstern in der Öffentlichkeit. Niemand wusste so recht, welche Informationen über sich selbst wo gesammelt wurden also misstraute man jedem. Keiner fragte nach, es hätte ihn verdächtig gemacht, also galt, besser nicht auffallen und sich wie ein Fisch im Wasser bewegen, nicht anecken, nicht das Interesse von wem auch immer wecken. Opportunismus entstand schon daraus, nicht auffallen zu wollen. Die weit verbreitete Meinung heute, vor allem im Westen, der Opportunismus in DDR hätte vor allem dazu gedient, berufliche Karrieren nicht zu gefährden, es also überwiegend Leute mit entsprechendem Ehrgeiz betraf, ist so nicht zutreffend. Es erwischte jeden, zwang selbst diejenigen zum Opportunismus, die eigentlich nur ihre Ruhe haben wollten.

Wie intransparent und damit auch willkürlich der Staat mit seinen Bürgern umging, wurde mir auf einem der ersten Gespräche im Ministerium des Inneren der Kreisstadt Glauchau nochmals verdeutlicht. Verbunden natürlich mit persönlichen Angriffen, die immer den Charakter dieser Gespräche bilden, die man aber keinesfalls in gleicher Manier erwidern durfte, wollte man sich nicht in Gefahr bringen. „Sie haben sich aber ganz mies ihrem Betrieb gegenüber verhalten“ so sagte schon in unserem ersten Gespräch der Herr Burgwalden, „sie haben eine Wohnung bekommen, und dann kündigen sie“. Hier wurde ich tatsächlich auf dem falschen Fuß erwischt, denn mir war bis zu diesem Zeitpunkt nicht klar, dass dieses ehemalige Wohnungsbaukominat, bei dem ich mich nun oft als Querulant bewiesen habe, mit dieser Wohnungszuteilung irgendwas zu tun hatte. Aber um ehrlich zu sein, ich weiß auch gar nicht mehr wie genau wir zu dieser Plattenbauwohnung in der Sachsenalle gekommen sind.

Wir waren ja nun verheiratet, der erste Sohn ein Jahr alt, der zweite unterwegs, und hatten bis dahin im Haus meiner Eltern gelebt, doch ich hatte auch jüngere Geschwister, die sehnsüchtig darauf warteten, dass mein Zimmer frei wird. Also musste irgendeine Bleibe her. Wenn ich damals schon von den Chemnitzer Künstlerkreisen gewusst hätte, und wie die sich ihre Wohnungen besorgten, nämlich einfach in leerstehende eingezogen, dann hätte ich dass wahrscheinlich auch getan. Doch der Kontakt sollte erst später zu Stande kommen, also wusste ich noch nichts von dieser Praxis.

Leer stehende Wohnungen gab es nämlich, nur waren das welche in heruntergewirtschafteten und verfallenden Altbauten. Halbe Ruinen eigentlich. Wer ein Mehrfamilienhaus besaß, konnte arm werden wenn er es nur einigermaßen in Ordnung halten wollte, mit den Mieteinahnen jedenfalls konnte die Instandhaltung nicht finanziert werden. Noch schlimmer sah es aus, wenn die Häuser von der Gebäudewirtschaft verwaltet wurden, was auch diese Häuser betraf, deren Eigentümer im Westen lebten und ihr Eigentum wegen Flucht oder Ausreise zurücklassen mussten.

Aber gerade in diesen verfallenden Altbau-Wohngebieten entwickelte sich so was wie eine Subkultur, die von der Obrigkeit zwar beobachtet wurde, aber dennoch gewisse Freiheiten genoss. Der Prenzlauer Berg in Berlin ist vielleicht das bekannteste Beispiel. Doch so was gab es eben nicht nur dort, sondern auch in der Provinz und in Städten wie Chemnitz. Aber wie gesagt, davon erfuhren wir erst später.

Also zogen wir in die »Platte« ein, und bekamen als Wohnungsinventar eine rote Fahne geschenkt. Die auf der anderen Seite der Treppe hatten eine DDR-Flagge. Schön ordentlich sollte es aussehen, wenn die Häuser beflaggt werden sollten, zum 1. Mai oder zum 7. Oktober, dem Staatsfeiertag zur Gründung der DDR. Damit wir dies auch ja nicht vergessen, war ein Schreiben am Nachrichtenbrett gleich neben dem Eingang ausgehängt, in dem die Bewohner des Hauses dazu aufgefordert wurden, ihre Verbundenheit mit dem Arbeiter- und Bauernstaat durch das anbringen der Flagge zu bekunden. Also speziell zu diesen beiden Feiertagen.

Ich hielt dies Anfangs für einen der üblichen Sprüche und glaubt nicht daran, dass dieser Aufforderung viele folgen würden. In der Siedlung, in der ich groß wurde, dort hängten allenfalls die Hundertprozentigen, und nicht mal die alle, eine Flagge ans Haus. Weder am 1. Mai, und schon gar nicht am 7. Oktober. Zu meiner Überraschung war dies in diesem Neubaugebiet aber ganz anders. Alle, jedenfalls so in meiner Erinnerung, in diesem Block, wie auch in den anderen in dem Neubaugebiet, folgten der Aufforderung. Einmal nur wurde ich von einem Bewohner des Hauses in dem wir nun wohnten, gefragt, wo denn unsere Fahne sei. Wir hatten sie natürlich nicht angebracht. Irgendeine schnippische Antwort gab ich darauf. Aber ansonst war Schweigen angesagt und eine seltsame Veränderung ging mit den Menschen im Haus vor.

Während sonst allgemeiner Klatsch und Tratsch im Treppenhaus angesagt war, man sich auch gegenseitig ins Wohnzimmer einlud, ja sogar einen Kellerraum etwas ausgeschmückt wurde, in dem dann Hauspartys stiegen, an der sich alle beteiligten, und es manchmal auch recht hoch herging, wollte nun auf einmal keiner mehr mit mir sprechen oder gesehen werden. Kurz angebundenes »Glück auf« oder gar ein förmliches »Guten Tag« war alles. Unsere Gegenwart wirkte merklich unangenehm. Eile wurde vorgetäuscht. War die Zeit für die Beflaggung vorüber, normalisierte sich das Verhältnis langsam wieder.

Oft, so dachte ich, haben meine Nachbarn ihre Verhaltensänderung gar nicht bemerkt, sondern sie beschlich nur ein unbestimmtes Gefühl des Unwohlseins in meiner Gegenwart in dieser Zeit. Opportunistisches Verhalten durchs Unterbewusstsein gesteuert? Wäre es eine reine Vernunftentscheidung für dieses Verhalten gewesen, dann hätte man mich generell meiden müssen, nicht nur in dieser Zeit des Flagge zeigens. Dieses Verhalten zeigte sich schon lange bevor wir unseren Ausreiseantrag stellten, und hat sich auch nicht geändert als wir dann wegen eben diesem Antrag bekannt wurden, vielleicht nicht im ganzen Neubaugebiet, aber sicher doch in unserem Block. War keine Beflaggung angesagt, wurde ich dann schon mal nach dem Fortgang meines Ausreiseantrag gefragt, worauf ich natürlich keine wirkliche Antwort gab, trotz aller Nachbarschaft und Partys, übern Weg getraut habe ich niemanden mehr.

Diese rote Fahne sollte aber noch mal eine Rolle spielen und auf dem Ministerium des Inneren zur Sprache kommen. Ein paar Tage vor der Ausreise, da hatten wir schon unsere Papiere zur Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR in der Hand.

Als wir unsere Plattenbauwohnung räumten, wie gesagt, die Staatsbürgerschaft hatten wir schon los, waren also eigentlich staatenlos, hatten nur noch nicht den Ausreisetermin mitgeteilt bekommen, fanden wir die rote Fahne wieder. Sie war hinter einen Schrank gefallen, und kam nun wieder zum Vorschein. Diese Räumung, mit ein paar Freunden durchgeführt, war eine überaus heitere Veranstaltung, und so ermahnte ich, mehr im Scherz, dass diese Fahne nicht verloren gehen solle, die wäre schließlich Volkseigentum und gehört zur Wohnung. Ein Freund steckt sie darauf in die dafür vorgesehene Halterung am Schlafzimmerfenster. Ich ärgere mich bis heute, kein Foto davon gemacht zu haben, wie nun diese Fahne zum ersten mal angebracht wurde. Der ganze trostlose graubeige Neubaublock als Kulisse, und eine einzelne rote Fahne, ausgerechnet an unserer Wohnung, zum allerersten mal. Karl Kraus' Spruch über die Volkszählung in Wien fällt mir heute dazu ein, dass nämlich die Stadt 2.030.834 Einwohner hatte, 2.030.833 Seelen und ihn. Seelen, irgendwas in Richtung lebloses, und er als Gegenpart zu den allen. Ja, wir schwebten auf Wolken, und jeden den wir trafen, bedauerten wir, weil der nicht leben durfte.

Das Anbringen der roten Fahne war aber keine gezielte Provokation, wie man auf dem Ministerium des Inneren meinte, sondern einfach nur aus Übermut geschehen. „Sie können froh sein, dass sie kein Staatsbürger der DDR mehr sind, diese Aktion mit ihrer roten Flagge hätten wir uns sonst nicht gefallen lassen“ eröffnete mir ein Mitarbeiter der Behörde. Mit dem Herrn Burgwalden hatten wir da schon seit gut einem halben Jahr nichts mehr zu tun, und der Name des anderen, wie sein Äußeres, ist mir entfallen. Anfangs stand ich auf dem Schlauch, wusste gar nicht was der Typ von mir wollte, bis es mir wieder einfiel. Klar, natürlich, die Wohnungsräumung.

Ob die Bewohner des Plattenbaublocks froh waren, als wir nun endlich weg waren, kann ich natürlich nicht beurteilen und möchte dies auch nicht unterstellen. Sicher aber fanden sie es angenehmen, nun nachdem der Querulant weg war, sich nicht mehr während der Zeit von Beflaggungen, durch unsere Existenz an ihren Opportunismus aufmerksam gemacht zu sehen. Das hissen der Flagge bei unserer Wohnungsräumung ist sicher nicht nur Stasi und Co. unangenehm aufgestoßen, sondern auch den Angepassten und Mitläufern im Neubaugebiet Sachsenallee. Sie wurden an etwas erinnert, an das sie nicht erinnert werden wollten. Oder es wurde ihnen ihr Opportunismus bewusst, von dem sie eigentlich auch nichts wissen wollten. Man richtet sich eben ein so geht es und schwimmt im Schwarm. Leute die nicht im Schwarm schwimmen, will man besser nicht sehen.

Im letzten Teil dieser Serie sprach ich von großen Betrieben und kleinen Privatfirmen, wie sich Menschen entsprechend ihrer Haltung oder ihres Charakters sortierten. Die die nicht angepasst oder Mitläufer sein wollten, einfach nur weil sie Originale waren und sich nicht verbiegen wollten, die zog es nicht in die Neubaugebiete, in die Platte und Arbeiterwohnregale, für die war ein verfallener Altbau eher die erste Wahl, trotz Kohleheizung und Klos auf auf der halben Etage im Treppenhaus. Das konnte man sich ja dann selbst ein wenig modernisieren. In den Altbaugebieten, wie in solchen Siedlungen in der ich aufwuchs, sah man nicht viele Fahnen an den Häusern am 1. Mai oder am 7. Oktober. Oppositionelle waren die Leute deswegen noch lange nicht, ihnen war nur der Opportunismus unangenehm, der anderen Ortes zu greifen war. Der Wunsch nach Freiheit und Individualismus war bei den Altbaubewohnern in der Summe deutlich spürbarer als bei denen in der Platte. In der Summe wohl gemerkt, generalisieren darf man es nicht, darf man nie.

Ob dies alles den DDR-Oberen bekannt war, dass Altbauten den Wunsch nach Freiheit und Individualität, auch Identität fördern, die Plattenbauten aber zur Konformität und zum Opportunismus zwangen, lässt sich aus meiner Sicht schwer beurteilen. Wenn man allerdings betrachtet, welche Ressourcen für was verwendet worden, dann lässt einem dies zu diesen Schluss kommen. Wenn nun heute diese Altbauten hübsch restauriert im neuen Glanz erstrahlen, vielerorts - eigentlich fast überall, und dafür die nun leer stehenden Plattenbaublocks abgerissen werden, so erfüllt mich dies schon mit einer gewissen Genugtuung. Nur kommen heute andere Ideologen daher, um dieses schöne neue alte Bild mit ihren Dämmvorschriften wieder zu zerstören. Die Häuser in Styropor einzupacken bringt ja nicht viel außer Hässlichkeit. Aber vielleicht ist das auch nur eine andere Art der Zwangsbeflaggung. Diejenigen die sich dagegen wehren sind möglicherweise die Originale und Unangepassten gegen einen neuen Zeitgeist, und die die den Vorschriften folgen die Opportunisten.

Normalerweise mag ich ja diese DDR-BRD-Vergleiche nicht, hier, weil es sich auch um soziologische Aspekte handelt, ist es wohl ausnahmsweise mal erlaubt. Unter dem besonderen Druck einer Diktatur werden halt oftmals Dinge sichtbar, die eigentlich überall vorkommen, nur eben selten so offensichtlich werden. Genauso wie die Wissenschaftler die in den Urwäldern oder auf einsamen Inseln sogenannte »native People« aufsuchen, ihre Verhaltensweisen studieren, um dabei Rückschlüsse auf die dem Menschen innewohnende Natur nehmen, so offenbart der Blick in eine Diktatur ebenfalls Einsichten in Verhaltensweisen die auch in freien Gesellschaften vorhanden sind, dort aber meist weniger deutlich erkennbar.

Aber kommen wir zurück zum Ausreiseantrag. Oben sagte ich, dass wir mit dem Herrn Burgwalden vom Ministerium des Inneren nichts mehr zu tun hatten. Das war etwa ab dem Zeitpunkt als uns mitgeteilt wurde, dass nun unser Antrag doch bearbeitet werde. Etwa ein halbes Jahr bevor wir dann endlich weg durften, im Sommer 83. Doch davon, wie es dazu kam, ein anderes mal.


Die Ausreiseantrag-Serie:

#1Ein politisierter Osterstrauß
#2Sind so kleine Hände
#3Briefe. Und ein kalter Wind
#4Plattenbauten und eine rote Flagge
#5Prag, die Sächsische Schweiz und Amerika
#6Kindesentführung und ein privates Begrüßungsgeld
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