März 09, 2014

Norbert Bolz über die Unmöglichkeit von Nachhaltigkeit in komplexen Systemen

In der Sendung „Sternstunde Philosophie“ des Schweizer Fernsehens kommt der Philosoph Norbert Bolz ausführlich zu Wort. Die Sendung ist in ganzer Länge sehenswert, besonders möchte ich aber auf zwei Punkte hinweisen, und in Schriftform Bolz zitieren. Seine Ausführungen zum Mainstream in den Medien sind nicht so neu, zumindest nicht für mich, doch was er zur Nachhaltigkeit sagt, gehört diskutiert und stellt eine Gegenposition zum derzeit weit verbreiteten Denken darüber dar.
Katja Gentinetta: Nehmen wir genau dieses Wort Widerstand auf. Sie haben den Begriff schon genannt: Konformismus. Sie zeichnen sich ja dadurch aus, dass sie versuchen, oft, eine Gegenmeinung zu vertreten. Sie vertreten sie auch, sehr deutlich, sie haben beispielsweise gesagt, Authentizität ist eines der großen Schlagworte, Nachhaltigkeit ist ein anderes. Sie positionieren sich just am anderen Ende. Nachhaltigkeit halten Sie für nahezu ökologischen Fundamentalismus, wenn man so will. Wie begründen Sie das? Beziehungsweise, wieviel an Ihrer Position ist Gegenprovokation und wieviel ist Philosophie?

Norbert Bolz: Das ist natürlich jetzt schwer für mich zu beurteilen, objektiv über mich zu urteilen, was so eine zentrale Frage betrifft. Aber zumindest was es mein Selbstverständnis betrifft, hat es mit Gegenprovokation überhaupt nichts zu tun. Bleiben wir bei dem Beispiel Nachhaltigkeit. Das habe ich relativ früh aufgegriffen, als Thema, das liegt, glaube ich, 18 Jahre zurück, wenn ich mich recht erinnere. Damals war ich an der Essener Universität und wurde von einer Großveranstaltung angefragt, ob ich nicht zum Thema Sustainability einen Vortrag halten würde. Ich habe dann gesagt, ich kann gerne einen Vortrag halten, so aus kollegialer Freundlichkeit, aber ich könnte nur etwas über Unsustainability sagen, also warum es nicht geht. Und das hing damit zusammen, dass ich mich wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigt hatte, rasch rausgefunden hatte, dass der Begriff aus der Forstwirtschaft stammt, dort auch funktioniert, dann aber auch rasch fest gestellt habe dass in komplexen Systemen so etwas wie Nachhaltigkeit unmöglich ist. Damals hatte ich sehr intensiven Kontakt mit der sogenannten Systemtheorie der Gesellschaft die unsere Welt als Welt von komplexen Systemen schildert, mit einer sehr eigenen Dynamik, die auf jeden Fall nicht auf diese wunderbaren Gleichgewichtsmodelle zurückzuführen ist.

Der Mathematiker Thom hat einmal eine sogenannte Katastrophentheorie aufgestellt, als Mathematiker, und er meint damit nicht die spektakulären Fernsehkatastrophen, wie Tsunamis oder so was, sondern er meinte einfach extreme Form von Unordnung. Er hat dann gesagt, dynamische Systeme, wie unsere moderne Gesellschaft, stürzen gewissermaßen von Unordnung zu Unordnung. Und diese Bewegung ist die Normalität.

Das klingt nicht besonders nett, ich weiß genau, nicht nur jeder Manager, jede Lehrerin hat heute das Lieblingswort Nachhaltigkeit. Und das Wort wird in den absurdesten Kombinationen mittlerweile benutzt, weil es beruhigt. Es klingt, schon forstwirtschaftlich ist so unendlich beruhigend, es wächst was nach, alles ist balanciert. Aber das interessant ist eben gerade, dass der Grundgedanke der GRÜNEN, nämlich es gäbe eine Balance zwischen Gesellschaft und Umwelt im Sinne von Natur, dass der sich nicht verträgt mit der Theorie komplexer Systeme. Das auszusprechen ist eigentlich Sache von Wissenschaftlern, würde ich sagen. Aber leider Gottes gibt es unendlich viele die Gefälligkeitswissenschaftler geworden sind, also genau das aussprechen und mit wissenschaftlichen Formeln, wenn man so will, garnieren. Was Politiker, vor allen Dingen, aber eben auch eine erregte Öffentlichkeit gerne hören möchte.

Insofern sehe ich da keine Gegenprovokation, da fühle ich mich eigentlich als Wissenschaftler, wenn ich sage: Das gibt es nicht.
Dies war im Video ab ca. 18:15 und soll als Einstimmung genügen. Warum die 68er zur Wächtergeneration mit ungeheuren Einfluss auf den Mainstream geworden sind, ist ab 32:10 zu sehen.



Link zur Sendung:
Norbert Bolz: Der Mut zur eigenen Meinung
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