20. Dezember 2020

Ein Haus am Wege

Oft komme ich an einem alten Gebäude, zwei Orte von meinem zu Hause entfernt, vorbei. Es liegt in einer Neunzig Grad Kurve an einem Berg, nicht weit weg vom Ortszentrum eines Fleckens am Rande der Fildern, wie diese Gegend südlich von Stuttgart genannt wird. Es wirkt schon etwas verfallen, auf jeden Fall wurde dort schon lange nicht mehr renoviert, die Eingangstür schief und matt, die Farbe, sofern da mal welche drauf war, ist schon lange abgeblättert. Links und Rechts davon liegt Gerümpel, offensichtlich schon sehr lange. Allerdings ist das kein Sperrmüll, sondern gleicht Dingen wie aus einer Werkstatt, Metall- und Holzteile, Gefäße, Kabel und dergleichen mehr, was irgendjemand nicht wegwerfen wollte. Dass dieses Zeugs aber noch mal für irgendwas benutzt werden könnte, scheint mir sehr fraglich, in einem solchen Zustand, wie es sich befindet, ist es sicher nicht mehr brauchbar. Es wirkt nur wie eine Erinnerung an eine Zeit, als es hier möglicherweise lebhafter zuging, jemand sein Tagewerk damit zu brachte und werkelte, nun aber nicht mehr die Kraft oder das Interesse dazu hat.

Alles an dem Haus, die Fassade, die Türen, Fenster, das Drumherum, ist im Verfall begriffen. Hier war mal pralles Leben, so der Anschein, doch dies ist vorbei. Nun sind es nur noch Erinnerungsstücke daran, die ums Haus herum liegen und es für die anderen Anwohner dort sicher zum Schandfleck machen. Man liebt es sonst doch so schön ordentlich und aufgeräumt in diesen kleinen Städten oder Orten im Ländle. An der Hauptstraße meines Wohnortes gab es auch mal zwei solcher Häuser, in beiden wohnten offensichtlich alte Leute, von denen ich als Zugezogener nichts wusste, mir nicht erklären konnte, warum sie sich von ihren Häusern nicht trennen konnten oder wollten. Ab und zu stand ein Auto der Diakonie davor, jemand schaute nach ihnen, zumindest hin und wieder, das beruhigte mein Gewissen: ich muss mich nicht um sie kümmern, nicht mal nachfragen, ob man hier irgendwie ein bisschen helfen kann. Wir haben in Deutschland doch für alles Institutionen, an die wir unsere Mitmenschlichkeit delegieren können. Irgendwer wird schon zuständig sein.

Dann geschah plötzlich die Veränderung, Container standen vor dem Haus, es wurde entrümpelt, Möbel, Teppiche, Gardinen, aller möglicher Krimskrams entsorgt. Es war klar, die alten Leute waren weg, vielleicht gestorben, vielleicht im Pflegeheim, ich wusste es nicht. Wenige Monate nur dauerte es und die alten Häuser waren abgerissen, neue stehen nun an ihrem Platz, saubere, gerade, ordentliche, charakterlose, moderne, eben wie aus dem Katalog bestellt, ohne Bezug zum Ort, den Menschen ringsum, ja selbst nicht zu denen, die nun darin leben. Doch ich will es nicht zu pessimistisch sehen, vielleicht entsteht mit Zeit etwas Neues, die neuen Gebäude bekommen einen Charakter durch die Menschen in und um ihnen. Was mich nur verstörte, war, wie schnell alles ging, geradezu als hätten Erben nur sehnsüchtig darauf gewartet, endlich die Hinterlassenschaften der Alten zu versilbern. Haben die Alten gewusst, als sie noch lebten, dass die Geier ringsum bereits Platz genommen haben? Sicher wussten sie es, solcherart Verhalten gab es immer und wird es immer geben, es bringt nicht viel, es zu beklagen.

„Da ist ein alter Mann am Fenster, in dem Haus lebt noch jemand!“. Meine Frau hat keinen Führerschein, also ist sie immer Beifahrerin und kann die Umgebung betrachten, während ich als Fahrer natürlich hauptsächlich auf die Straße und den Verkehr achten muss, insbesondere in der Neunzig Grad Kurve an dem alten Haus, zwei Ortschaften weiter. Im ersten Stock dieses dreistöckigen Hauses stand er am geschlossenen Fenster. Nur das runde Gesicht war zu sehen, kein Hintergrund, kein Körper, fast wie ein vom Künstler gemaltes Porträt wirkte es. Ich nahm es zur Kenntnis, so wie eben viele Beobachtungen zur Kenntnis genommen werden, Bilder bleiben in der Erinnerung, werden mit Empfindungen verknüpft, die dann noch eine Weile klar vorhanden sind, dann aber Stück für Stück wieder verblassen, um irgendwann nur noch unterbewusst zu sein.

„Ist der Mann allein dort? Es brennt kein Licht? Hat der keinen Strom? Braucht er Hilfe?“ Sie nervt mich mit Fragen, auf die ich auch keine Antwort habe. Für sie sind einsame, allein lebende alte Menschen eine Horrorvorstellung, bei jeder etwas betagten älteren Person, die sie sieht, kommen diese Fragen. Vor Jahren, als sie das erste Mal rüstige ältere Personen mit diesen komischen Skistöcken im Sommer spazieren sah, meinte sie dazu, dass in ihrer Heimat auf den Philippinen die Alten nicht mit Stöcken in der Hand herumlaufen würden, sondern die hätten Enkel an ihrer Hand.

„Schauen wir einfach mal, ob es hier einen Bäcker oder Metzger in der Nähe gibt, vielleicht wissen die was mit dem alten Mann in dem alten Haus ist“, so mein Vorschlag. Aber es blieb beim Gedanken, unternommen, irgendwo nachgefragt, haben wir nicht. Zur Entschuldigung muss vorbringen, dass es immer morgens gegen halb acht war, als wir dort vorbeifuhren, immer auf dem Weg um eines unserer Kinder in die Schule zu bringen. Da war einfach keine Zeit um anzuhalten und irgendwelche Nachbarn zu befragen.

Vielleicht einen Monat später kamen wir einmal nachmittags dort am alten Haus vorbei. Der Mann stand vor der Eingangstür und hatte einen Hund an der Leine. „Er hat einen Hund, er hat einen Hund“, meine Frau boxte mir auf den Oberschenkel, „er ist nicht allein“. Wir schauten uns an und lächelten, unser schlechtes Gewissen war verschwunden, der Hund hatte es uns genommen.








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