21. November 2019

Aus dem Archiv: Neue Menschen für den Klimaschutz

Dieser Artikel ist 2011 im Science-Skeptical-Blog erschienen, doch dieser Blog ist schon seit Wochen, vielleicht Monaten, im Wartungsmodus und mir ist nicht bekannt, ob er nochmals online geht. Eine Nachfrage an den Administrator ist bis jetzt unbeantwortet geblieben. Da aber viele meiner Texte dort, über den Tag hinaus aktuell sind, werde ich nun in loser Folge die mir wichtigen hier auf Glitzerwasser veröffentlichen.


In der Klimazwiebel macht Hans von Storch auf einen Text von Oliver Geden aufmerksam, der mit dem Titel "Das Ende der Klimapolik, wie wir sie kannten" überschrieben ist. Geden spricht von einem notwendigen Paradigmenwechsel in der Klimaschutzpolitik, weg vom Top-Down-Paradigma hin zum Bottom-Up-Paradigma. Weg vom 2°C-Ziel hin zu "je weniger (Emissionen/Klimawandel), desto besser." Es ist ein Szenario für ein Rückzuggefecht und zeigt nur an, dass der bisherige Ansatz gescheitert ist. Die Wahrscheinlichkeit für Business as usual in der Klimaschutzpolitik ist sehr hoch. Das heißt, der Klimaschutz wird zwar noch propagiert, doch nur dann umgesetzt, wenn es nicht weh tut. Damit wären wir in etwa bei Strategie der USA, die sich keine Verbindlichen Ziele zur Senkung des CO₂-Ausstoß gesetzt haben. Dazu schreibt Ross McKitrick im von Steffen Hentrich und Holger Krahmer herausgegebenen Buch "Realitätscheck für den Klimaschutz":
Stattdessen kündigte der damalige Präsident George W. Bush 2002 das unverbindliche Ziel an, die Emissionsintensität (Treibhausgase je Dollar BPI) bis 2012 um 18% gegenüber den Stand von 2002 zu senken - Was allein durch die Beibehaltung der nach den 1980er Jahren eingeschlagenen Entwicklungstrends der Emissionen erreicht werden konnte. (S.25)
Doch so weit soll das neue Bottom-Up_Paradigma nicht gehen sondern, wie Geden schreibt, sollen messbare Fortschritte bei der Dekarbonisierung stärker gewichtet werden als wohlklingende globale Langfristziele. Und der Grund dafür ist auch klar:
Der Wandel von Top-Down hin zu Bottom-Up ist im Kern eine mentale Wende, die Problemdefinition und Lösungsstrategien neu fasst, aber auch die Legitimation bestehender Instrumente (wie etwa dem Emissionshandel) zu sichern vermag.
Hier offenbart sich der wahre Charakter dieses Paradigmenwechsels. Die Sinnhaftigkeit der bisherigen Entscheidungen werden nicht in Frage gestellt, sondern es wird nach einem Weg gesucht, diese auch unter sich verändernden globalen Gegebenheiten zu legitimieren. Doch auch dieser Weg wird scheitern und die Gründe dafür liefert Geden gleich mit:
Wenn die Pespektive schwindet, dass mittelfristig alle Industrie- und Schwellenländer auf einen anspruchsvollen Dekarbonisierungspfad umschwenken und sich damit weltweit neue Marktchancen bieten werden, ergibt eine – kurzfristig kostspielige – europäische Vorreiterrolle wirtschaftspolitisch nur noch wenig Sinn.
[...]
Ohne gesetzgeberische Fortschreibung der Trias aus Emissionsreduktions-Ziel, Erneuerbaren-Ziel und Effizienz-Ziel für die Zeit nach 2020 entsteht beträchtliche Planungsunsicherheit für die Unternehmen. Investitionen bleiben aus. Die begonnene Transformation hin zu einer europäischen low carbon economy wird unter- , wenn nicht gar abgebrochen.
Wie also die Menschen bei der Stange halten? Ob Top-Down oder Bottom-Up, ob einzelne Personen oder ganze Staaten, Menschen sehen Möglichkeiten und möchten diese nutzen um einen Vorteil zu erlangen, nicht irgendwann, sondern jetzt oder in naher Zukunft. In einem interessanten Text über Nachhaltigkeit von Felix Ekardt wird auch dieses Problem angesprochen und darauf hingewiesen, dass unsere stammesgeschichtliche oder biologische Ausstattung eher das Hier und Jetzt fokussiert. Das mag man nun gut oder nicht gut finden, es ändert nichts daran, dass Menschen nun mal so sind wie sie sind. In der Weltgeschichte hat es schon viele Versuche gegeben bessere Menschen zu schaffen, sie sind alle grandios gescheitert. Deshalb wird auch versucht, den Menschen hier und jetzt schon ein Stück vom Kuchen der zukünftigen Glücksseligkeit abzuschneiden: Bau dir ein Windrad und verdiene gut dabei, montiere dir Sonnenpaddel aufs Dach für eine gute Rendite! Nur durch dieses Renditeversprechen konnten die Menschen dazu bewegt werden in NIE zu investieren. Dies bröckelt nun auch, Zuschüsse werden gekürzt und Bereitschaft derer, die die nicht an dieser Rendite partizipieren können - sondern sie bezahlen müssen, tiefer in die Tasche zu greifen nimmt ebenfalls ab. Nichtsdestotrotz werden wir erleben, spätestens nach Durban, wie sich die neue Argumentationskette nach Plan B etablieren wird. Die alte globale Klimapolitik ist tot, es lebe die neue lokale Klimapolitik. Doch auch dieser neue Ansatz wird scheitern, weil er wesentliche Elemente der menschlichen Natur ausblendet. Oder wie Felix Ekardt sagt:
Tatsächlich aber ist Nachhaltigkeit eine revolutionäre Herausforderung nach den Vorstellungen ihrer Vordenker und Popularisierer. Eine Forderung, die meint, wir sollten unseren raumzeitlichen Blickwinkel erweitern, von der reinen Fokussierung auf das Hier und Jetzt zu einer intergenerationellen und globalen Perspektive in Moral, Recht und Politik. Und revolutionär wäre das tatsächlich, insofern menschliches Denken und Handeln eben diese Perspektive genuin nicht einnimmt.
Oder noch mal anders ausgedrückt: Wir brauchen den neuen Menschen, damit die Klimaschutzpolik funktioniert. Wahrscheinlich weiß das Jeremy Rifkin schon länger und hat seinen Homo empathicus kreiert. Wie gesagt, Versuche einen neuen Menschen zu schaffen hat es schon oft gegeben. Ob es diesmal klappt?
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