7. November 2019

Zeitzeugen und die historiographische Verzerrung

Mir ist eine Auschwitz-Überlebende sehr schemenhaft in der Erinnerung. Ich sah sie im Fernsehen, in einer Talkrunde nach der Ausstrahlung der Serie Holocaust. Das ist nun schon Jahrzehnte her und meine Erinnerung bezieht sich hauptsächlich auf ein Gefühl, welches ich bei der Betrachtung dieser Diskussion hatte. Neben der Zeitzeugin waren vier oder fünf andere Personen zu sehen und zu hören, die hatten auch alle irgendwas mit dem Thema zu tun, doch als Untersuchungsobjekt. Wahrscheinlich handelte es sich um Historiker, Politologen, Soziologen oder engagierte Journalisten. Genau weiß ich es nur nicht mehr, was die waren, doch sie verhielten sich sehr wissend.

Gleich zu Beginn dieses Gespräches brachte die Auschwitz-Überlebende Kritik am Film vor. Das Zusammenleben der Häftlinge im KZ wäre keineswegs so gewesen wie dargestellt, sondern mehr von Gemeinheiten und gegenseitiger Missgunst oder entsprechenden Verhaltensweisen geprägt.

Die anderen Diskutanten wollten diese Darstellung nicht gelten lassen und da sie offensichtlich das Sprechen, die verbale Darstellung der eigenen Überzeugungen, gelernt hatten, geriet die Frau immer mehr in eine passive Rolle oder eine Verteidigungshaltung. Ihr wurde klargemacht, dass ihre Erfahrungen nicht wesentlich wären, und für das Thema Holocaust völlig nebensächlich.

Was erlauben sich diese Lackaffen eigentlich, fragte ich mich damals. Sie reden, sicher nicht grundsätzlich falsch, über etwas, vom dem sie Theorien erstellen, bearbeiten, verändern, Erklärungen bereitstellen, und weisen eine, die das Gräuel am eigenen Leibe erlebt hat, zurecht. Freilich taten sie es höflich und mit oberflächlichem Respekt, dennoch wurde klar, was nicht zu ihren Konstrukten passte, wurde abgewertet. Die Zeitzeugin konnte oder wollte sich nicht mit den großen Erklärungen abgeben, aber sie konnte berichten, wie es war, in einem KZ leben zu müssen.

Diejenigen, die es nicht selbst erlebt haben, leben von der Imagenation dessen was geschah. Diese Rekonstruktionen sind immer an Weltsichten oder Ideologien gebunden. Zeitzeugen wirken in diesen Konstrukten störend. Deren Erinnerungen sind natürlich auch nicht immer so verlässlich, wie man sich das von Zeugen jeglicher Art erhofft. Erinnerungen können trügen und erzählen nicht immer, was wirklich geschah und so blieben auch meine Zweifel, ob dieser KZ-Überlebenden denn so ohne weiteres vertraut werden kann, ob ihre Kritik an der Serie gerechtfertigt ist. Doch im Grund war sie authentisch und glaubwürdig, auch neuere Forschungen zu den Zeitzeugen in den Konzentrationslagen bestätigen ihre Darstellung. Auf jeden Fall mehr als die der anderen Diskutanten in der TV-Runde, die zwar viel erzählen konnten, alles schön mit ihren Überzeugungen und zu den geopolitischen Vorgängen passend gemacht, doch sie hatten das Grauen nicht erlebt. Sie konnten nur von ihren Imagenationen reden, die Zeitzeugin von Selbst-Erlebten.

Ich hatte diese Fernsehsendung eigentlich schon vergessen, sie wurde ja auch schon 1979 ausgestrahlt, damals lebte ich noch in der DDR und war zarte 19 Jahre alt. Doch genau zu dieser Zeit reifte mein Entschluss, eben diese Diktatur zu verlassen. In der sozialistischen Realität erlebte ich ständig diesen Widerspruch zwischen den großen Erklärungen und dem tagtäglichen Erlebten, wahrscheinlich deswegen galt meine Sympathie der Zeitzeugin und nicht denen mit den großen gedanklichen Linien.

Wie gesagt, die TV-Talkrunde hatte ich fast vergessen, doch nun, durch die oben erwähnten Forschungen, die in einer Rezension besprochen wurden, kam es mir wieder in den Sinn und ich schrieb die oben stenden Zeilen bis genau hierher, speicherte diese Datei im Ordner „Sonstige Gedanken“ ab und dort wäre sie wahrscheinlich auch bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag geblieben. Doch es kam anders, die Gedanken sind auf einmal wieder hochaktuell.

Am Mittwoch flatterte mir ein Tweet von Hubertus Knabe in meine Timeline mit diesem Text: »Besonders diesen Satz des DLF-Journalisten über die Stasiopfer-Gedenkstätte muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: "Hier zeichnen ausschließlich Opfer des SED-Regimes ein Bild der DDR und ihres Repressionsapparates" - und bewirken damit eine "historiographische Verzerrung"« Dann ist noch auf diesen Text auf der Seite vom Deutschlandfunk verlinkt, der unter dem Titel: „DDR neu erzählen“ eine neue Erzählung, eine andere Erinnerungspolitik fordert.

Im Artikel sind sie nun wieder versammelt, Vertreter der sozialwissenschaftlichen DDR-Forschung, Historiker, Journalisten und so viele mehr, die nun die „DDR neu erzählen“ wollen, doch dazu ist es notwendig, die Zeitzeugen zu diskreditieren, denn deren Berichte, ihre Erinnerungen auf das, was sie selbst erlebten und erlitten, passt nun so gar nicht zu den Konstrukten derer, deren Zugang zur Wirklichkeit nur durch die ideologische Brille geschieht.

Doch es stimmt, wir haben es momentan mit einer historiographischen Verzerrung zu tun, und zwar von genau denen welche die „DDR neu erzählen“ wollen. Wer ein wenig mit den Propagandatechniken des linken Spektrums vertraut ist, dem wird nun auffallen, dass solche Forderungen und Texte genau jetzt die Runde machen, wo es darum geht, die PDS zu rehabilitieren, sie als Partner für Regierungen auch mit der CDU heraus zu schmücken. Tja, Zufälle gibt es, das glaubt man nicht! Ich jedenfalls nicht und deshalb höre ich wohl die Worte, glauben tue ich allerdings den Zeitzeugen, mögen deren Worte auch oft nicht dem politisch korrektem Mainstream entsprechen. Glücklicherweise schreiben viele ihre Erlebnisse auf. Hier und anderswo.


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