20. November 2019

Aus dem Archiv: Rifkin und das Narrativ

Dieser Artikel ist 2011 im Science-Skeptical-Blog erschienen, doch dieser Blog ist schon seit Wochen, vielleicht Monaten, im Wartungsmodus und mir ist nicht bekannt, ob er nochmals online geht. Eine Nachfrage an den Administrator ist bis jetzt unbeantwortet geblieben. Da aber viele meiner Texte dort, über den Tag hinaus aktuell sind, werde ich nun in loser Folge die mir wichtigen hier auf Glitzerwasser veröffentlichen.

Hier ging es um Jerremy Rifkin, einem sehr beliebten Stichwortgeber im Öko-, Klima- und Nachhaltigkeitszirkus. „Angela Merkel, Emmanuel Macron oder Chinas Generalsekretär Xi Jinping, alle haben Rifkin und seinen Thesen schon Gehör verliehen“, schreibt der Focos dieser Tage. Grund genug also, sich diesen Mann einmal näher anzusehen.




Rifkin und das Narrativ

von Quentin Quencher am 24. September 2011

Die Diskussionen in der Energiedebatte oder über den Klimawandel führen mitunter dazu, dass die Gegner als minderbemittelt oder dergleichen dargestellt werden. Doch hier muss ich warnen. Die Ökologisten, Alarmisten, Grüne und was auch sonst noch in die Richtung geht, diese Leute leiden weder an Hirninsuffienz, Demenz, noch sind sie irgendwie beschränkt. Es ist gefährlich diese Leute so zu titulieren, da dies nichts anderes heißt, als dass man sie nicht ernst nimmt, letztlich so betrachtet wie eine Grippe, die zwar unangenehm ist, doch irgendwie vorbei geht. Das wird nicht geschehen, denn diese Leute wollen eine andere Gesellschaft, da geht es nicht nur um ein paar Windmühlen, oder Hubspeicher, von denen das Fußvolk fabuliert. Die Leute, die wirklich am Rad drehen, haben ganz anderes im Sinn. Als Beispiel sei hier nur einmal Jeremy Rifkin genannt, der gerade auf Werbetour für sein neues Buch ist. Im Handelsblatt war zu lesen:
„Wohin die neue Wirtschaftswelt führt, darüber schreibt und redet Rifkin schon seit Jahren. Er kennt die Mächtigen, berät sie, und was er sagt, klingt gut. Das große Schlagwort lautet „dritte industrielle Revolution“. Zurzeit bahnt sie sich gerade an. Der Begriff taucht schon am Ende seines letzten Buches auf. Aber wurde nicht so recht deutlich, was er damit meinte. Das neue Werk ist also die logische Fortsetzung.

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Es gibt zwei wesentliche Grundvoraussetzungen: Erstens geht Rifkin davon aus, dass die Mächtigen in Politik und Wirtschaft fortan nicht egoistisch handeln, um die Welt vor dem Umwelt-GAU zu retten, sondern gemeinsam den richtigen Weg gehen. Und zweitens müssen sie das auch, denn die Wirtschaft in ihrer jetzigen Form geht vor die Hunde. Vor allem weil der Ölpreis langfristig zu sehr ansteigen wird, um den globalisierten Handel aufrecht erhalten zu können.“
Man darf sich nicht der Illusion hingeben, das dies Träumereien einiger Spinner sind, diese Gedanken finden Anklang bis in höchste Kreise. Am Dienstag war eine Veranstaltung im Konrad-Adenauer-Haus, mit Merkel und Röttgen und einigen anderen. Auch Rifken sprach dort, dazu noch mal das Handelsblatt:
„Wir sind 6,8 Milliarden Menschen, unsere durch Öl und Kohlenstoff geprägte Zivilisation liegt auf der Intensivstation - sind wir dazu in der Lage, eine neue Vision zu entwickeln?“ Was er über die „Third Industrial Revolution“ sagt kennen wir in allen Details: Erneuerbare Energien, smart grids, Gebäude, die Energie erzeugen statt zu verbrauchen, Speicherung von Energie und neue Mobilität. Aber wir verniedlichen es als „Energiewende.“

Bei Rifkin wird daraus eine neue Art zu produzieren, zusammenzuarbeiten, Kontinente wie den europäischen durch eine gemeinsames Energienetz zu verbinden, Unternehmen durch die Steuerung des des Energieflusses Gewinne machen zu lassen statt durch den Verkauf von Strom, und die Prinzipien des Internets - verteilt, kooperativ, horizontal statt top-down - auf die der Energiewirtschaft zu übertragen. Umweltminister Norbert Röttgen, der gemeinsam mit der Wirtschaftsweisen Beatrice Weder di Mauro mitdiskutierte, lauschte teils mit einem so glücklichen Lächeln als wollte er sagen: So schön möchte ich das auch mal ausmalen. Selbstironisch warf er ein: „So überzeugt wie Jeremy Rifkin diskutieren wir in unseren Gremien auch immer über die Energiewende!“
Rifkin, Schellnhuber, 3. Industrielle Revolution, Große Transformation, und so weiter und so fort; ich hoffe jetzt ist klar um was es geht: Um eine komplette Umgestaltung der Gesellschaften. Und das ganze soll über ein geeignetes Narrativ der Bevölkerung verklickert werden. Da sind wir schon mittendrin. Da wird auch gar kein Geheimnis daraus gemacht, wie auf der Homepage der Konrad-Adenauer-Stiftung nachzulesen ist:
An Konzepten und Technologien fehle es nicht. „Pilotprojekte oder einzelne Programme bringen aber nicht viel. Die große Herausforderung für Politiker ist es dieses neue ökonomische Narrativ als Paket zu implementieren und an die Öffentlichkeit heranzutragen“, sagte Rifkin.
Ich würde allerdings eher von einem Rechtfertigungsnarrativ sprechen. Um das etwas zu verdeutlichen:
Mit Hilfe dieses Begriffs soll insbesondere die historische Dimension von Rechtfertigungsordnungen erschlossen werden, d.h. die Erzählungen, die sich zu Legitimationen sozialer Strukturen und Institutionen verdichten.
Oder anders ausgedrückt, in Narrativen werden mitunter bewusst Fakt und Fiktion vermischt um eine Botschaft zu transportieren die, gleich erbaulicher religiöser Dichtung, Normen vermitteln soll. Es gibt Menschen, die haben glasklar erkannt, dass es sich dabei um eine literarische Gattung handelt, um es mal ein wenig überspitzt darzustellen. Einer davon ist der spanische Schriftsteller Sergi Pàmies, dessen Text "Eine poetische Wahrheit" hier noch als Lesetipp genannt sein soll. Es hat keinen Sinn, zu versuchen, die Narrative der Alarmisten mit wissenschaftlichen Argumenten zu bekämpfen, das zieht nicht weil es nicht eingängig ist. Außer bei den wirklich technikaffinen Menschen, doch das sind weniger als man glaubt, selbst in Deutschland.

Also müssen wir uns um andere Aspekte der Rifkinschen Visionen kümmern und deutlich machen, welche Annahmen Fiktion sind, und welche auch zu ganz und gar unerfreulichen Ergebnissen führen können. So spricht er von der Demokratisierung von Energieerzeugung und -verteilung und stellt die Basis der klassischen Wirtschaftstheorie in Frage. Irgendwie soll dies alles ein empathisches Miteinander werden, das so richtig an klassenlosen Gemeinschaften wie die Urchristen oder die utopischen Sozialisten erinnert. Doch gerade hier zeigt sich deutlich, dass der Mensch eben nicht nur empathisch ist, sondern vor allem auch auf den eigenen individuellen Vorteil hin strebt. Das lässt sich vielleicht in Revolutionszeiten bis zu einem gewissen Grade unterdrücken, bricht aber dennoch immer wieder durch. Nach dem das Alte abgeschafft und zerstört ist, wird die Macht neu verteilt und Empathie gerät in den Hintergrund. Bislang war dies in der Geschichte der Menschen immer so, und es ist nicht anzunehmen, das dies in Zukunft anders ist.

Deshalb sind Rifkins Utopien von vornherein zum Scheitern verurteilt, aber dennoch gefährlich. Narrative lassen die Menschen glauben, es wird auf ein erstrebenswertes Ziel hin gearbeitet, und lassen dabei vergessen, das dies alles Utopien sind, die wesentliche Dinge ausblenden. Nette Geschichten soll der Rifkin, und auch all die anderen, erzählen dürfen. Doch sollte eben jedem wirklich klar sein, das dies eben nur Erzählungen sind, visionäre vielleicht, oder utopische, aber eben nicht was es zu sein vorgibt: ein Leitfaden für den Weg in die Zukunft. Das Narrativ soll über diesen Mangel hinwegtäuschen.
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