Moderne aufgeklärte Gesellschaften glauben, den Tod – diese Demütigung, die dem Leben innewohnt – negieren zu können. Er wird ins Medizinische oder in die Naturwissenschaften ausgelagert. Von denen wird dann erhofft, dass sie den Tod besiegen oder wenigstens erklären, damit er akzeptiert werden kann. Doch Demütigungen sind nie akzeptabel, immer muss ein Schuldiger gefunden werden, der dafür verantwortlich ist.
31. Oktober 2021
Notizen im Oktober 2021
Moderne aufgeklärte Gesellschaften glauben, den Tod – diese Demütigung, die dem Leben innewohnt – negieren zu können. Er wird ins Medizinische oder in die Naturwissenschaften ausgelagert. Von denen wird dann erhofft, dass sie den Tod besiegen oder wenigstens erklären, damit er akzeptiert werden kann. Doch Demütigungen sind nie akzeptabel, immer muss ein Schuldiger gefunden werden, der dafür verantwortlich ist.
17. Oktober 2021
Warum ich kein Grüner wurde
Da einige meiner Freunde, Ende der Siebziger, so begeistert Hesse lasen, ich manchmal den Eindruck hatte, die schlafen mit dem ″Siddhartha″ unterm Kopfkissen, nahm ich mir ″Kinderseele″ sowie ″Klein und Wagner″ von ihm vor, um selbst einen Eindruck davon zu bekommen, was an dem Schriftsteller so faszinierend sein soll und warum meine Freunde so begeistert von ihm sind, und merkte doch schnell, mit diesem Autor kann ich nichts anfangen. Jahre später, nun in Westdeutschland, lasen sie dann so Dinge wie den ″Papalagi″, waren Fans von Habermas und Adorno und gehörten zu den Anhängern der Grünen.
26. September 2021
Notizen im September 2021
Zwei Getränke wurden mir serviert, das eine hieß Freiheit, das andere Sicherheit. Pur ist keines von beiden genießbar, aber als Cocktail lecker. Die Kunst ist, das richtige Mischungsverhältnis zu finden. Mir ist die Freiheit mit einem Spritzer Sicherheit am liebsten.
Freedom Day! Welch süßen Klang dieses Wort hat.
„Wir müssen eine Brandmauer gegen Hass und Hetze errichten“, so ähnlich jedenfalls propagierten sie es. Nun aber wird klar, es handelt sich bei diesen errichteten Mauern nicht um Brandmauern, sondern um Gefängnismauern, Gedankengefängnismauern.
Immer war es die Hoffnung der Eltern, dass es ihren Kindern mal besser gehen würde als ihnen selbst. Wohin ist er verschwunden, dieser Zukunftsoptimismus? Die allgegenwärtigen Dystopien haben ihn zerstört.
3. September 2021
Die Briefwahl und meine Sandalen
„Aber der Moment, in dem er [der Wähler] dann wirklich wählt, ist beinahe heilig; heilig sind die versiegelten Urnen, die die Wahlzettel enthalten, heilig der Vorgang des Zählens.“ (Elias Canetti in „Masse und Macht, Das Wesen des parlamentarischen Systems“)
Die Briefwahl ist dieser Heiligkeit beraubt, es wird eine Verrichtung in etwa so, wie die Teilnahme an irgendeiner Online-Umfrage. Keinerlei Ritus ist noch damit verbunden, ich kann ungewaschen in Unterhosen am Frühstückstisch sitzen und meinen Wahlzettel ausfüllen.
31. August 2021
Notizen im August 2021
Ich bewundere Menschen, die es schaffen, erlittenes Unrecht nicht weiterzugeben. Die den Stachel, der ihre Seele verwundete, auflösen können und nicht den Drang verspüren, ihn an eine andere Seele weiterzugeben.
„Sie haben ihr Leben für die Freiheit gegeben!“ So oder so ähnlich sprechen sie nun in schönen Reden.
Egal wie man zu den Impfungen steht, was jetzt gerade abgeht, zeigt das Wesen der Diktatur: Abweichler, Menschen mit anderen Überzeugungen, dürfen keine Freiheit bekommen, weil sie die Gemeinschaft, das große Ziel, sonst gefährden.
Ich habe den Vorteil, nie so etwas wie Heimatverbundenheit entwickelt zu haben, patriotische Gefühle sind mir ebenfalls fremd. So kann ich den Niedergang Deutschlands weitgehend unberührt zusehen, eigentlich geschieht nichts, was ich nicht erwartet hätte.
Manche Tiere lassen sich leicht dressieren, Hunde etwa, Katzen weniger. Es gibt Hundemenschen und Katzenmenschen. Wir unterscheiden sie nur anders: in brave, folgsame Menschen und Individualisten.